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Adlerjagd in Kasachstan: Flieger der Steppe

Seit vielen Jahrtausenden zählen ein Pferd, ein Hund und ein Steinadler zu den treuesten Begleitern eines Kasachen. Bei der Adlerjagd zu Pferd bilden sie zusammen eine Einheit.

Fotograf Pavel Mikheyev

Fotos: P. Mikheyev

Es ist ein frostiger Herbsttag in Zentralkasachstan. Die Landschaft ist nur mit einer ganz dünnen Schneeschicht bedeckt. Durch ein ödes Hochtal, das allmählich in die Berge übergeht, galoppiert eine junge Reiterin. Sie trägt einen Schafpelz und eine Fuchsfellmütze. Das ist Makpal Abdrazakova, die einzige anerkannte Adlerjägerin in Kasachstan. Auf ihrem ledergeschützten rechten Arm thront ein majestätischer dunkelbrauner Steinadler mit einer kleinen Haube auf dem Kopf. Mit schnellem Tempo erklimmt der robuste Abkömmling des Mongolischen Ponys den kahlen steinigen Gipfel des Hügels. Von hier aus  sucht Makpal mit einem Fernglas die offene weite Landschaft nach Wild ab.  Als sie in den dornigen, verdorrten Büschen einen roten Fuchs entdeckt, befreit sie den Adler von seinen Fesseln, zieht die Haube von seinem Kopf und wirft ihn mit einem kurzen kehligen Schreien in die Höhe.

Fotos: P. Mikheyev

Der König der Lüfte oder der goldene Adler, so nennen die Kasachen den Steinadler, hebt seine Flügel, deren  Spannweite imposante zwei Meter beträgt, im Segelflug leicht an. Sein Flug wirkt kraftvoll und eher gemächlich. Als er aus mehreren Hundert Meter Höhe seine Beute erspäht hat, setzt er zum Sturzflug an und packt sie mit seinen mächtigen scharfen Klauen. Gleichzeitig stürzt sich das Pferd den Hügel hinab.

Schon nach wenigen Minuten bekommt der Jagdvogel traditionsgemäß die Leber des Fuchses. Sobald Makpal am Sattel das Fuchsfell anbindet, reiten alle drei reiten durch das menschenleere Steppe in die Richtung des Dorfes Aksu-Ayuly. Hier lebt die Jägerin mit den Eltern und Geschwistern.

Fotos: P. Mikheyev

Die Jagd mit einem Greifvogel auf dem Pferd ist ein wesentlicher Bestandteil des nationalen Erbes Kasachstans, das tief im Altertum wurzelt. Und seit je zählte sie zu einer reinen Männersache – doch nicht heute. 26-jährige Makpal Abdrazakova, Juristin von Beruf, schlug den Spott der Männer in den Wind und beherrscht die alte Kunst der Adlerjagd. „Meine Kindheit verbrachte ich mit einem Berkut (einem Steinadler) meines Vaters, der bereits seit 20 Jahren  die Jagd auf Hasen und Füchse macht. Jedes Mal, wenn er unterwegs war, fütterte ich seinen Jagdvogel. Ich glaube, damals schon erwachte meine Leidenschaft für die Vögel und die Jagd“, erzählt junge zarte Kasachin mit großen dunklen Augen und einem langen Zopf am Abend beim Teetrinken. In Kasachstan ist es Sitte, vor dem Essen den schwarzen starken Tee mit Milch zu trinken. Dabei werden zahlreiche Tassen (sogenannte Piala -  eine Tasse ohne Henkel) Tee getrunken. Die Kasachen trinken viel und lang.

Fotos: P. Mikheyev

„Erst als ich 15 Jahre alt war, schenkte mir der Vater einen Adler, genauer gesagt eine Adlerdame, Aksherke. Die Berkutschi (Adlerjäger) haben lieber Adlerweibchen, weil sie größer und stärker als Männchen sind.“ Nach einer kurze Pause ergänzt Makpal schmunzelnd: „Aber zuerst habe ich das Reiten gelernt.“ Das ist doch kein Wunder! Laut einem kasachischen Sprichwort werden Kasachen im Sattel geboren. Sie glauben, das friedliche, widerstandskräftige sowie gleichzeitig umgängliche und verlässliche Wesen schenkte ihnen der Himmel. „Besonders hoch schätzen wir von jeher die weißen Pferde“, mischt sich der Vater Makpals (61) ins Gespräch ein. Herr Abdrazakov, ein kleiner Mann mit  tausend kleinen Falten um die Augen und dunklem Haar, trainiert bei einer örtlichen Sportschule Pferde, Vögel und Menschen für die Beizjagd. Makpal und seinen Sohn Serik auch. „Einst opferten die Kasachen dem Herrn des Himmels Tengri ausschließlich die Schimmel. Daher ist es Sitte geworden, die Schimmel als himmlische oder blaue Pferde zu bezeichnen.“  Noch bis heute. Bei Blitz und Donner sagen die Kasachen der Mongolei: „Der blaue Hengst wiehert.“

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Dennoch im Alltag geben die Menschen den dunkel-grauen Pferden den Vorzug. Es ist eine Volksweisheit, dass „das dunkelgraue Pferd ein gutes Rennpferd ist, robust und zäh“. Auf dem Abdrazakovs Bauernhof friedlich stehen die verschiedenen Haustiere. Unter ihnen ist der braune Kasache, ein typisches Steppenpferd mit dem Stockmaß von bis zu 142 cm. Das anspruchslose und erstaunlich ausdauernde Kasache-Pferd mit extrem harten Hufen ist besonders gut dem harten Klima Zentralasiens angepasst. Mithin ist es das beste Jagdpferd. „Das Pferd ist dem Jäger in neuntgrößten Land der Welt unentbehrlich“, erläutert die junge Jägerin. „Ohne diese unglaublich ausdauernden Tiere kann man die riesigen Entfernungen natürlich nicht überwinden.“

Normalerweise sieht das Pferd die Haustiere nicht als Angreifer an. Aber der natürliche Fluchtinstinkt des Pferdes erlaubt es ihm nicht, mit dem Adler zu kooperieren. Deshalb sind gründliche gemeinsame Übungen vor dem Jagd-Austritt unerlässlich, damit sich beide aneinander gewöhnen. Die Jagdsaison beginnt mit dem ersten Schnee und dauert bis Februar.

Makpal erklärt gerne, wie das Training durchgeführt wird. Der Adlerjäger füttert zusammen den Vogel und das Pferd, mit ihnen geht durch die Steppe spazieren. Er richtet den Steinadler auf den Sattel und auf das ständige Schaukeln sowie das Getrappel der Hufe ab. Er lehrt ihn vom Pferd aufzufliegen und zurückzukehren. Es ist häufig der Fall, dass der Jagdvogel beim Auffliegen und bei der Landung mit aller Kraft mit den Flügeln gegen das Pferd schlägt – in diesem Moment muss sich das Pferd in Geduld fassen und ruhig Blut bewahren. Ein Höhepunkt der Ausbildung ist das Beireiten zum ausgestopften Fuchsbalg. „Der Jäger bindet den Fuchsbalg an eine Leine an den Sattel und reitet weg.  Der Steinadler muss den Balg greifen. Wenn danach der „Lehrling“ auf die Faust seines Besitzers zurückkehrt, bekommt er vom Berkutschi ein Fleischstück als Belohnung. Damit ist die Ausbildung beendet“, so Makpal.

Nächste Fotos von N. Postnikov
Nächste Fotos: N. Postnikov
Selbstverständlich muss der Berkutschi selbst in der besten Form sein: Es ist nicht einfach, mit der linken Hand das Pferd zu führen, während  der Steinadler, – er kann zu 7 kg wiegen – auf der rechten Hand landet. Wobei der Berkutschi immer daran denken sollte, dass „Stärken“ des Berkuts der gebogene Hakenschnabel und vor allem stark entwickelte lange bis 7 cm lange Krallen sind. Er ist in der Lage mit seinem Schnabel den Schädel eines Wolfs zu brechen. „Lediglich die langjährigen Erfahrungen im Umgang mit den Greifvögeln, die von Generation zu Generation größtenteils mündlich weitergegeben wurden, helfen heute den Berkutschi, eine enge Beziehung zu dem Adler auf Vertrauen und Respekt aufzubauen“, setzt Makpal das Gespräch fort.

Der Jagdvogel lebt in der Berkutschi-Familie meistens als Familienmitglied. Nach zwölf oder vierzehn Jahre lässt man seinen Steinadler frei, damit er/sie eine/n Partner/in finden könnten. „Es ist, als ob die Familie einen Verwandten verloren hat“, sagt die Adlerjägerin. Ihre strahlend fröhliche Miene wurde ernst. Dann lächelt sie uns kurz an und spricht weiter: „Die Zeit geht aber vorbei und der Berkutschi steigt wieder ins Gebirge und besorgt einen Jungvogel. Ein Küken direkt aus dem Horst zu stehlen ist es üblich in Kasachstan. Man kann doch auch ein ausgewachsenes Tier fangen und abrichten.“

Horses_049Ein kasachisches Sprichwort sagt: Ein richtiger Mann soll ein schnelles Pferd, einen Adler und einen Jagdhund haben. Die Adlerjagd zu Pferd mit einem Tazi, einer äußerst seltenen Windhund-Rasse, ist ein Traum fast jedes Jägers. Tazi hat die großen, ausdrucksvollen, leicht schräg stehenden Augen. Sein Fell ist kurz, elastisch und glatt, nur seine leichten und beweglichen Ohren sind mit dem langen seidigen Haar bedeckt. Das Wort Tazi bedeutet „schnell“. Der kasachische Windhund wurde vor allem für die Jagd auf den Fuchs, den Hasen und die Kropfgazelle gezüchtet. Man soll bemerken, dass die Höchstgeschwindigkeit des grauen Hasen auf der Flucht bis zu 70 km/h erreichen kann. Die Kasachen geben auf den Tazi so viel wie auf das Pferd und auf den Steinadler. Es ist keine Seltenheit, dass der Hund unterwegs zum Jagdort auf dem Pferd im extra für ihn gemachten Korb oder einfach vor dem Sattel sitzt. Von hier überschaut er aufmerksam die Landschaft. Bemerkt er in den Büschen eine Beute, stellt er sofort seine Ohren auf, dann stürzt er sich vom Pferd und treibt das Wild aufs Feld. Im richtigen Augenblick lässt der Berkutschi den Steinadler los.  Das Pferd rennt stürmisch hinter dem Hund her – häufig aus eigenem Antrieb.

„Leider erhalten nur die Kasachen aus der mongolischen Provinz Bajan-Ölgii heute die klassische Adlerjagd in ihrer reinsten Form“, seufzt Makpal tief. Ungefähr 350 Adlerjäger bewahren hier das kasachische Kulturgut – in Kasachstan circa 60. Wenn man von der Mitte des 19 Jahrhunderts spricht, geht es um tausende  Berkutschi. Im 20. Jahrhundert hat sich die Zahl der Adlerjäger drastisch reduziert. Eine große Schuld daran trägt das sowjetische Regime. Damals wurde die Adlerjagd als Elitesport gezählt, was den Anstoß zu ihrer Vernichtung gab. Dazu kommt die komplizierte kasachische Dressurmethode, die sehr viel Geduld und Einfühlungsvermögen erfordert.

Nach der Unabhängigkeitserklärung Kasachstans werden die alten kasachischen Sitten und Bräuche durch verschiedene Veranstaltungen wieder belebt. Was die Adlerjagd betrifft, so geht es meistens um Turniere und Festivals in der Umgebung des kleinen Orts Nura im Schatten der Tien-Shan-Berge.

Ein Höhepunkt der Veranstaltungen ist ein Aufstieg der in der Volkstracht bekleideten Adlerjäger auf einen Hügel mit den Adlern auf den Fäusten. Am Fuße des Hügels wird der Jagdort, ungefähr einhundert Quadratmeter, von der Polizei abgeriegelt. Dort befinden sich die künftigen Jagdopfer, Füchse und Hasen, die im Voraus hierzulande gefangen wurden. Wenn die Adlermänner ihre Greifvögel loslassen, haben die Opfer fast keine Chance, sich zu retten. Es kommt jedoch vor, dass schlecht ausgebildete Jagdvögel die Tiere nicht fassen können. Sie machen eine Runde und kehren zu ihren Besitzern zurück.

„Ich nehme auch an solchen Shows hin und wieder teil, aber lieber reite ich mit meiner Aksherke in die freie Natur“, sagt Makpal, steht auf und tritt ans Fenster. Sie blickt hinaus in die Nacht und ergänzt: „Ein fairer Kampf, wie er in der Natur geschieht, ist ein wunderschönes Schauspiel. Im Freien hat ein Wildtier auch eine große Chance, den tödlichen Klauen des Adlers zu entkommen.“

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr geehrte Frau Toker,

    ich liebe Ihren Artikel über Makpal! Besteht die Möglichkeit Makpal kennenzulernen, wenn ja wie? Ich bin selbst Jägerin und überlege gerade den Falknerschein zu machen. Ferner liebe ich Pferde und reite. Hätten Sie einen Rat?

    Herzliche Grüße Ira Hartmann

    Antworten

    • Hallo liebe Frau Ira Hartmann,

      vielen Dank für Ihre Meldung. Ich habe mit der Familie Makpal nur per Telefon kontaktiert. Ob diese Nummer aktuell ist, weiß ich nicht. Trotzdem könnten Sie probieren.
      NetzNummer: +7 710 31 21 7 52
      Handysnummer: +7 701 34 132 63
      Ihre Mutter heißt Nurgul, ihren Vater Murat.
      Viel Erfolg!
      Schöne Grüße aus Göttingen von Natalia Toker

      Antworten

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