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Auf dem Pferderücken im Krimgebirge

Es ist ein ungewöhnlich heißer Altweibersommer auf der Halbinsel Krim. Die Hitze hat die Landschaft in braune Töne gefärbt. Das Thermometer zeigt über 33 Grad. Im Auto sind es dann noch ein paar Grad mehr. Auf der Autostraße an der Südküste verlocken riesige verstaubte Werbetafeln: „Entdecken Sie auf dem Rücken eines Pferdes die faszinierende Natur der Krim!“ Das Auto verlässt die Hauptstraße und biegt links ab auf eine staubige und kurvenreiche Schotterpiste, die bis zum Tor des Pferdehofs ‚Tschatyr-Dag’ am Fuße des gleichnamigen Berges führt. ‚Tschatyr-Dag’, wie auch andere zahlreiche Pferdeklubs und Pferdehöfe der Krim, bietet sowohl kurze Trips als auch Mehrtagestouren für alle Ansprüche.

Auf dem Hof im Schatten der großen alten Bäume stehen schöne Lauben, Pavillons und Ferienhäuser, die mit alten Haushaltswaren verschönert sind. Auf der Terrasse sitzen die sechs Teilnehmer des heutigen vierstündigen Ausritts – Urlauber aus Sachalin, Tjumen und Moskau. Eine nette Frau mit freundlichen Augen und schwarzen Haaren, klärt Fragen über die Sicherheit beim Reiten und wichtige Aspekte des Umgangs mit den Pferden. Anna Nikolajewna (45) ist die Besitzerin dieses Pferdehofes. Anschließend betrachten die Ritt-Teilnehmer eine Ausrüstung und üben verschiedene Kommandos. Dies ist insbesondere angesichts der Tatsache wichtig, dass keiner von ihnen über Reiterfahrung verfügt.

„Bei uns sind die Nichtreiter an der Tagesordnung“, sagt Artur, der Begleiter der Gruppen. „Mit ihnen haben wir meistens keine Probleme, aber manchmal passiert es doch. So wollte neulich eine Frau mit ihrem fünfjährigen Sohn im Wald galoppieren. Wir haben es ihr natürlich nicht erlaubt.“ Es wird ja eigentlich angesagt, dass die Anfänger bei den Gebirgstouren nur im Schritt reiten dürfen. Kinder unter neun Jahren sitzen mit ihren Eltern in einem speziell entwickelten Sattel; ab neun Jahren dürfen sie allein reiten.

„Für Anfänger organisieren wir die Ritte, die nach Dauer und Strecke variieren können, allerdingst sind es nie mehr als sechs stunden oder 18 Kilometer“, sagt Anna Nikolajewna. „Auf allen Routen können die Reisenden bei Zwischenstopps die abwechslungsreiche Natur der Krim genießen.“ Alle Reitstrecken verlaufen abseits der überfüllten Autostraßen.

Für Fortgeschrittene wird ein mehrtätiges Programm entwickelt. An den ersten zwei Tagen kann man beispielsweise den Berg Tschatyr-Dag durchreiten – mit einer Übernachtung bei Mutter Natur in Zelten. Die Zelte und die Lebensmittel bringt ein Auto, das in unmittelbarer Nähe der Gruppe fährt, dorthin. Ein Arzt reitet auf jeden Fall mit. Für dringende Verbindungen mit dem Auto oder mit dem Pferdehof hat jede Gruppe außer Handys ein Handfunkgerät. Da ein Lagerfeuer wegen Waldbrandgefahr verboten ist, benutzt man zum Kochen Gaslampen und -kocher. Der Wanderritt beginnt und endet auf dem Pferdehof. Am dritten Tag steht eine Busreise auf dem Programm: entweder zu der Höhlenstadt Chufut-Kale oder Eski-Kermen, zum Khanpalast von Bachtschissaraj oder Woronzow-Palast in Alupka. „Wir empfehlen unseren Gästen auch, die einzigartigen Karsthöhlen zu besuchen, die auf unteren Hochebenen von Tschatyr-Dag liegen. Es hängt aber von Wünschen der Reitgruppe ab. Bei gutem Wetter bieten wir eine Fahrt zum Meer an“, so Anna Nikolajewna.

Mit der Hilfe des Begleiters wählt jeder Teilnehmer ein passendes Pferd aus. Auf dem Hof sind etwa 30 Pferde, die meisten sind freundliche und trittsichere Baschkire-Pferde, die sowohl für Anfänger als auch Fortgeschrittene geeignet sind. Die aus der Nomadenzucht entwickelte Rasse ist robust, ausdauernd, anspruchslos und verträgt Temperaturen bis minus 40 Grad. „Letzteres ist übrigens nicht wichtig für die Krim-Bewohner“, sagt Artur, der äußerst nette und humorvolle Guide. Die Tiere haben einen guten Charakter, ruhiges Temperament und eine freundliche Ausstrahlung.

Marija – eine Fünfzigerin im rosafarbenen Hut mit einem roten Rucksack – verliebt sich gleich in eine dunkelbraune Stute. Sie streichelt sanft ihre Nase und Mähne. Ihr Ehemann dagegen nähert sich vorsichtig seinem Pferd.

Bevor das Krim-Abenteuer beginnt, teilt die Besitzerin des Pferdehofes mit: „Nach der Rückkehr werden Sie einen leicht würzigen und wohltuenden Kräutertee sowie russische Piroggen genießen.“

Der Weg verläuft am Fuß des Tschatyr-Dags durch Felder von Rosen, aus denen ätherisches Öl gewonnen wird, und des Berglavendels, hoch und runter durch Dickicht – gefährliche Bereiche sind markiert und eingezäunt – bis zur Aussichtsplattform. Von hier aus eröffnet sich ein wunderbares Panorama auf die Stadt Aluschta, auf die sanft geschwungene Bucht und umliegende Berge. Das Krimgebirge schottet Aluschta und seine Nachbarn an der Südostküste vom kühlen Norden ab und schafft einen schmalen Streifen der Subtropen. Hier blühen Zitronen und wächst Wein, weshalb dieser Landstrich oft mit der Riviera, der Toskana oder der Côte d’Azur verglichen wird.

Hinter den Reitern erhebt sich der Tschatyr-Dag mit einem Labyrinth von Spalten und Schatten, von Umrissen und Tälern, von großen formlosen Klumpen. Zu der Linken ist ein Gipfel des Demerdzhi (1356 m) zu sehen. Auf einem westlichen Abhang des Berges befindet sich eine Vielfalt von Steinfiguren – das berühmte Tal der Geister.

‚Demerdzhi‘ aus dem Krim-Tatarischen bedeutet ‚Schmied’. Um diesen geheimnisvollen Berg ranken sich viele Legenden. Artur erzählt eine der bekanntesten: „Einst lebte auf dem Berggipfel ein wütender Schmied. Für seine Arbeit brauchte er immer mehr und mehr Wasser. Als seine Wasserquelle erschöpft war, lenkte der Mann einen Lauf eines kleinen Flusses vom Fuß des Demerdzhi zu seiner Schmiede. Der Fluss lieferte einem ganzen Dorf kein Wasser mehr. Ohne Wasser litten die Dorfbewohner wegen der Trockenheit, der Hungertod drohte ihnen. Die Ältesten des Dorfs gingen zum Mann und flehten, das Wasser ins Dorf zurückzuleiten. Er warf sie in blinder Wut von einer hohen Klippe. Dann schickte man Marina zu ihm, eines der schönsten und klügsten Mädchen des Dorfes. Der Schmied stieß auch sie von der Klippe hinunter! Solche Bosheit ertrug die Erde nicht. Sie öffnete ihre Eingeweide und schluckte den Schmied und seine Schmiede. An diesem Ort ist das Tal der Geister entstanden. Seine Steinfiguren ähneln dem Schmied und seinen Helfershelfern. Beim Sonnenuntergang erwachen ihre Schatten zum Leben und es scheint, als ob einen Geister umgäben.“

Die Reisenden richten den Blick auf den Berggipfel. Ein zartes Wölkchen bleibt immer an der Spitze und es schafft eine überzeugende Illusion von einer dampfenden Schmiede. Noch ganz unter dem Eindruck der Legende reiten die Menschen weiter –

durch übermäßig steiles, häufig auch aber flaches Gelände.

Aus einem Gebüsch bricht plötzlich ein Junge auf einem Pferd hervor und rast vorbei der Gruppe. Schlagartig dreht sich die alte, aber ehemalige Rennstute Rita, auf der Tatjana aus Tjumen reitet, um und verfolgt ihn. Arturs Brauner jagt hinter Tatjanas Stute her. Weder ein strafangezogener Zügel noch Tanjas Schreie „Tpru-u-!“ und „Halt!!!“ helfen. Mit voller Kraft versucht Tatjana im Sattel zu bleiben. Auf die Schreie und das Pferdegetrampel hinter ihm reagiert der fremde Reiter blitzschnell. Er wendet sein Pferd um und stürzt es mit einer Peitsche in der Hand der rennenden Stute entgegen. Die Stute bleibt sofort vor ihm stehen. Das Ganze dauerte etwa fünf Minuten. Aber der Reiterin scheint es doch, dass eine Ewigkeit verging.

Die Teilnehmer sind ein bisschen gestresst, deshalb sind alle froh, als sie den Kutuzowskoje-See mit herrlich klarem Waser für eine Pause erreichen. Die Reiter steigen ab. „Meine Beine haben die Form des Sattels und ich kann sie nicht ausstrecken“, sagt Tatjana. Die Mitreiter fühlen sich genauso. Sie scherzen miteinander herum und watscheln entlang des Sees.

Einsam sind sie am See nicht. Am gegenüberliegenden Ufer hat sich eine vierköpfige Reitgruppe mit Sportpferden und zwei schönen Schäferhunden gelagert. „Wir sind Mitglieder des Reiterklubs ‚Krim‘“, sagt die 28-jährige Diana Kozik, eine hochgewachsene grauäugige Frau mit langen blonden Haaren. „Wir nehmen an verschiedenen Rennen in der Krim teil, gerne organisieren wir auch verschiedene Ausflüge im Krimgebirge zu Pferd. Leider haben wir jetzt niemanden, der in einer solchen Gluthitze zu einem Ritt Lust hätte.“ Der wirkliche Grund dafür ist jedoch der Krieg in der Ostukraine und die Annexion der Halbinsel. Nun haben die Sportler eine gute Gelegenheit, selbst einmal das Krimgebirge zu durchreiten. Der Ausritt ist auch ein ideales Training für Pferde.

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Bei einem kleinen gemeinsamen Picknick erzählen die Reiter vom ‚Krim’ von bereits erlebten Ausritten. „Das Krimgebirge ist ideal für Reiter, Wanderer, Fahrradfahrer“, sagt die 13-jährige Lena Mirka. „Wir reiten ständig durch das Krimgebirge, preschen in einem scharfen Galopp über Wiesen. Unseren Hunden macht das Rennen ebenfalls großen Spaß.“

Die Einsteiger tauschen ihre ersten Erfahrungen im Umgang mit dem Pferd aus. „Anfangs versuchte ich mein Pferd ‚richtig‘ zu lenken, weil ich fürchtete, von ihm zu fallen. Dann stellte ich fest, dass das Tier ohne Einmischung meinerseits wesentlich besser geht. Es scheint, dass die Stute genau weißt, warum wir hier sind und was sie tun muss. Deshalb störe ich sie nicht mehr, mich zu tragen“, erzählt Marija lachend.

Die Sonne steht schon tief am blauen Himmel. Es ist höchste Zeit, zum Basislager zurückzukehren. Der Weg geht durch einen dicht bewaldeten Talhang. Die Sonnenstrahlen verfärben sich und überfluten golden das Feld der Rosen, des Gipfels von Tschatyr-Dag sowie die dekorierten Lauben, Pavillons und Ferienhäuser. Auf der Terrasse warten schon der Tee und die herrlich duftenden russischen Piroggen auf die Wanderrittreiter.

 

 

 

 

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