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Das Alltagsleben eines „APASSIONATA“-Stars

Mit lautem Knall entrollt sich die Peitsche und pfeift durch die Luft. Gleichzeitig lassen Trickreiter ihre Pferde in atemberaubendem Tempo durch die Arena galoppieren. Sie führen auf den Pferden in flotter Abfolge zahlreiche spektakuläre Kunststücke aus. Abend für Abend erobern die waghalsigen Teufelsreiter die Herzen ihres Publikums weltweit im Sturm und  verlassen die Arena unter Ovationen und Begeisterungsstürmen.

Wer sind diese tapferen Helden der Arena? Wie leben sie und womit ist ihr Alltag ausgefüllt? Um diese und andere Fragen zu beantworten, besuchen wir „APASSIONATA“-Star Viktor Kirka (39) und seine Ehefrau Lisa (30), Lehrerin für Deutsch und Ethik, daheim auf einer Wiesenkoppel in der malerischen Landschaft des Nuthe-Urstromtals, das nur dreißig Minuten von Berlin entfernt ist.

Über einer leuchtend grünen Wiese mit vielen bunten Blumen liegt ein Dunst. In der Mitte der Wiese steht das schwarze, graziöse Araber-Fohlen Al Abadi. Es richtet seine Aufmerksamkeit voll auf die blauäugige Frau mit dem langen roten Haar. Sie trägt ein leichtes Sommerkleid und eine rote Kappe, die sie vor der Sonne schützt. Der einjährige Al Abadi versucht ihre Befehle zu verstehen: „Sa mnoj! Begom!“ „Sa mnoj!“ ist das Kommando zum Nachmachen. „Begom!“ zum Laufen. Die junge schwangere Frau läuft durch die Wiese – leicht und vorsichtig – ihrem Ehemann Viktor Kirka entgegen. Der Araberhengst zögert einige Sekunden und folgt seinem Frauchen. Lisa bemerkt unser Staunen und erklärt: „Im Wesentlichen beschäftigt sich Viktor mit den Pferden. Obwohl er sehr fleißig Deutsch spricht, gibt er jedoch den Pferden die Befehle auf Russisch. Das handhabe ich nun auch so, um die Pferde nicht zu verwirren.“

Vor anderthalb Jahren hat sich das Paar eine Araber-Stute gekauft. Von dieser Stute stammt das Hengstfohlen Al Abadi. Lisa und Viktor wollen sich um den graziösen Araber-Hengst gemeinsam kümmern und ihn ausbilden. „In Wirklichkeit ist Al Abadi aber besonders Lisa von Herzen zugetan“, sagt Viktor. „Natürlich respektiert er mich auch, ich bin ja auch sein Herr, aber Lisa ist nun mal seine Mutti.“ In seiner Stimme schwingt eine gehörige Note Eifersucht mit.

Viktor Kirka, ein kleiner Mann mit braunen, klaren und ernsten Augen, trägt eine Reiterhose, eine Kappe und besondere Schuhe mit dünnen Sohlen, um bei den Tricks das Pferd und sich nicht aus Versehen zu verletzen. In der linken Hand hält er eine Longe. Neben ihm steht sein siebenjähriger Rappe – Show-Wallach Apollo.

Viktor Kirka, der routinierte Trickreiter, kommt aus Moldawien. SeineKindheit verlief genauso wie bei Bauernjungen in einem moldawischen Dorf üblich. „Meine Karriere als Trickreiter fing vor 28 Jahren mit einem Sturz vom Schulpferd einer dortigen hiesigen Reitschule an“, sagt Viktor und lacht. Als er zum ersten Mal auf einem Pferd saß, raste es im Galopp los und buckelte Viktor ab. Der Elfjährige sprang auf die Beine und rief fröhlich aus: „Cool! Wow! Das ist mein Ding!“

Nach dem Wehrdienst (1996) arbeitete Viktor sieben Jahre lang als Trickreiter in dem Zirkus „Cosmos“ in Donezk/Ostukraine. Mit dem Zirkus tourte er durch die ganze Ukraine und Russland. „In diesen Jahren sammelte ich jedoch nicht nur große Erfahrung, sondern auch zahlreiche Schnittwunden, Quetschungen, ein paar  Knochenbrüche und Rückenschmerzen ein“, sagt Viktor. Im Jahr 2003 löste sich die Truppe auf. Zu dieser Zeit versteht Viktor seine Sache aus dem Effeff. Ebendeshalb wurde er in die legendäre Kiewer-Stuntreit- Truppe „Ukrainian Cossacks“ aufgenommen.

Die Truppe bestand aus erfahrenen Reitern und etwa zwanzig nervenstarken und lernbereiten Stuntpferden. Sie sind an Peitschenknallen, Schüsse, Lärm und Feuer gewöhnt. Selbstverständlich soll der Reiter selbst körperlich fit und gelenkig sein.

Doch die „Ukrainian Cossacks“ führten nicht nur ihre Show auf, sondern sie übernahmen auch gefährliche Stunts in mehreren Filmen. Viktor erzählt, dass es besonders schwierig bei den Dreharbeiten mit einer Reiterarmee sei. Zur Filmaufnahme werden Bauern mit ihren Arbeitspferden (etwa 300 bis 400 Tiere) herangezogen. Auf Signal setzen sie sich dicht nebeneinander in wilden Galopp. Durch das damit verbundene Rummeln können die Arbeitspferde in Panik geraten, dann werden sie komplett unkontrollierbar. „Wenn ein Darsteller selbst reitet, bilden wir mit unseren Pferden um ihn herum einen Rhombus. Im Notfall versuchen wir, die rasenden Pferde in eine sichere Richtung zu lenken“, schildert Viktor. „Manchmal ist es selbst für Könner schwierig.“

Mit ihrer Schau reisten die „Ukrainischen Kosaken“ quer durch Europa. Sie wurden sogar zweimal der Königin Elizabeth II. vorgestellt, nahmen an renommierten Pferdefestivals teil, an Pferdewettbewerben und zahlreichen internationalen Pferdefesten. Die Truppe wurde im Jahr 2009 zur APASSIONATA-Show „Sehnsucht“ eingeladen. Zwei Jahre lang gastierte sie mit der erfolgreichsten Familienunterhaltungsshow in den größten Arenen Europas. Nach Ende der Tourneen gingen die „Ukrainian Cossacks“ wieder zurück in ihre Heimat. Viktor aber blieb in Deutschlands und ritt fortan als Solo-Voltigeur bei APASSIONATA. „Um den Bedürfnissen des Trickreitens auf höchstem Niveau zu entsprechen, fertige ich selbst alle Sättel sowie Zaumzeug, Peitschen und sonstige Lederartikel von Hand an“, sagt Viktor. In seiner hauseigenen Ledermanufaktur in Brandenburg macht er auf Anfrage sowohl für internationale Showprofis als auch für Freizeitreiter maßgeschneiderte Sättel. „Auf diesen speziellen Trickreitersätteln finden unsichere Reiter mit körperlichen Defiziten sicheren Halt und Komfort sowohl auf dem Reitplatz als auch im Gelände“, erklärt der Trickreiter.

Seine Frau Lisa lernte Viktor bei einem Gastspiel der APASSIONATA 2013 in München kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Damals studierte die schöne Münchnerin Germanistik und Theologie für das Lehramt an Gymnasien und arbeitete als Servicekraft bei APASSIONATA.„Kurz nach dem zweiten Auftritt der Trickreiter schlüpften zwei junge, verschwitzte Männer in Kostümen durch Bühnenvorhang und stellen sich neben mir an die Bar“, erinnert sich Lisa. „Eine Weile verfolgten sie die Show und versuchten dann plötzlich ganz frech ein Freigetränk von mir zu erbetteln.“ Einer der beiden Männer war Viktor Kirka. Das Mädchen verliebte sich Hals über Kopf in Viktor und am Ende der Shows steckte sie ihm ihre Telefonnummer zu.

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In jener Zeit gab es keine sichtbaren Berührungspunkte zwischen den jungen Menschen. Die groß gewachsene, schlanke Lisa hatte ihr Leben lang unter einer furchtbaren Angst vor Pferden gelitten. „Ich konnte keine Stallgasse betreten, ohne in Panik auszubrechen, und mied die Tiere, wo ich nur konnte“, erzählt sie. Die Welt des Ukrainers mit den klaren Gesichtszügen und einem Drei-Tage-Bart drehte sich nur um die Pferde. Viktor sprach Russisch, Ukrainisch, Französisch, Rumänisch. Lisa beherrschte keine von diesen Sprachen. „Wir führten unsere Gespräche vor allem mit Händen und Füßen“, meint Lisa lachend.

Trotz allem entschied sich Lisa für die Liebe und gegen die Angst vor den Pferden. Lisa lernte Russisch und kurz vor Weinachten 2013 gaben sie sich in Dänemark das Jawort. „Es war ein Aufbruch ins Ungewisse, aber bis heute sind bei uns keine Zweifel aufgestiegen, dass wir eine goldrichtige Entscheidung getroffen haben“, sagt Lisa, dann küsst sie Apollo 22, den siebenjährigen Rappen, auf die Nase und lacht glücklich.

Apollo ist das erste eigene Pferd von Viktor. Nach seinen Worten war der Wallach ein richtiger Koppeltyrann und galt als unreitbar. „Heute können sich die ängstlichsten Reiter auf Apollo setzen und er trägt sie sicher, liebevoll und geduldig über Stock uns Stein“, so Viktor. In den letzten zwanzig Jahren lernte der ukrainische Dschigit mehrere französische und spanische Instruktoren, Klassikreiter und Verhaltenstrainer persönlich kennen. Er ließ sich von ihren verschiedenen Ausbildungsmethoden inspirieren und übernahm das, was bei den Pferden gut ankommt. In der tourneefreien Zeit bereitet der APASSIONATA-Star nach einer von ihm entwickelten Trainingsmethode die Jungpferde, korrigiert ihr  problematisches oder gefährliches Verhalten und bildet die Pferde zum Voltigier- oder Trickreiten.

Ein Beritt gestaltet sich dabei meist wie folgt: Beim ersten Besuch der Pferdebesitzer macht der Bereiter einen Rundgang über den Hof. Inzwischen lernen sie einander kennen. Die Besucher erzählen ihre Geschichte, schildern die Probleme ihres Pferdes. Der eine ließ jahrelang sein Pferd auf einer Wiese weiden und jetzt kam ihm die Idee, reiten zu lernen; bei dem anderen hat sein Pferd durch ein Trauma einen aggressiven Charakter entwickelt und lässt niemanden zu sich heran. Ein Dritter hat ein Pferd gekauft und hat jetzt keinen blassen Schimmer, was er damit machen soll. Bei all diesen Problemen hilft Viktor.

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Anschließend erfolgt die Erstsichtung der Pferde durch Viktor. „Mit jedem fremden Pferd baue ich erst einen Blickkontakt, um das Vertrauen aufzubauen“, sagt der Bereiter. „So“, lacht er und schaut dem nebenstehenden Wallach freundlich und direkt in die Augen. „Übrigens während jedes Trainings vom Boden aus sehe ich mit einem Auge ins Auge des Pferdes, das zweite Auge fixiert die Beine des Tieres.“

Nach der Erstsichtung folgt ein meist tägliches und intensives Training. Wie lange dauert das? Das Lerntempo richtet sich nach dem Pferd. Beim einen verläuft es ganz schnell und unkompliziert. Ihm genügt ein paar Wochen Training. Bei dem anderen kann es sich 2 bis 3 Monate in die Länge ziehen.

Es kommt jedoch vor, dass das Pferd ohne Lust übt. Dann motiviert Viktor das Pferd und bedient sich der verschiedensten Tricks, so dass das Pferd mindestens ein Mal erfüllt, um was er bittet. Darauf folgt eine Pause. „Es ist sehr  wichtig, mit dem Bereiten nicht zu übertreiben“, betont Viktor und streichelt die Nase vom Apollo mit dem Handrücken.

Manchmal passiert es jedoch, dass der Besitzer nicht bereit ist, mit dem Pferd in Kontakt zu treffen, ein engeres Verhältnis zu seinem Pferd aufzubauen oder es zu reiten. „Dann ist es nicht sinnvoll, ein Pferd zu korrigieren“, sagt Viktor lakonisch. Wie Lisa selbst verrät, ist Viktor ist ein sehr anspruchsvoller Trainer und duldet keine oberflächliche Ausbildung. „Er will sicher sein, dass seine Schützlinge – weder Pferd noch Besitzer – zueinander passen und sich nicht schon beim ersten Sturz den Hals brechen“, erklärt Lisa.

Nach dem Umzug nach Brandenburg wollte Lisa so schnell wie möglich die Angst vor den Pferden besiegen, deshalb verbrachte sie ihre gesamte Freizeit bei den Pferden.

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Nach dem Umzug nach Brandenburg wollte Lisa so schnell wie möglich mit der Angst vor den Pferden umzugehen lernen, deshalb verbrachte sie ihre gesamte Freizeit bei Pferden. Die junge Frau gesteht, dass sie aber schon auf dem Weg zu ihnen völlig ängstlich war und manchmal am ganzen Körper zitterte. Dadurch wurden die Pferde in ihrer Gegenwart nervös, ängstlich und aufgeregt. Schließlich erkannte sie, dass etwas Grundlegendes schiefläuft. Lisa begann an den eigenen Gefühlen, der Körpersprache und der Stimme zu arbeiten. „Ich sprach mit den Pferden sehr tief, sehr langsam und kam mir dabei sehr bescheuert vor. Nach einiger Zeit des Trainierens und des Ausprobierens gewann ich eine Einsicht: Ruhige, selbstsichere Menschen machen ruhige, selbstsichere Pferde.“

Seither sind knapp zwei Jahre vergangen. Lisa hält jetzt Seminare und ehrenamtliche Kurse im Pferdetraining für Kinder und Jugendliche, aber auch für „Angstreiter“. Sie fordert die Teilnehmer auf, ihren ganzen Mut zusammenzunehmen und sich dieser Angst zu stellen. „So tat ich es selbst“, sagt Lisa und schlägt die Arme um den Hals von Apollo. Das Pferd schleckt ihr ganzes Gesicht ab und riecht und wühlt mit den Nüstern in ihren Haaren. Darüber hinaus trainiert Viktor jeden Tag mit Lisa. Heute kann seine Frau Apollo nicht nur selbst Trickreiten sondern beherrscht auch die Kunst der Freiheitsdressur.

Die Nachmittagssonne steht schon recht tief hinter den hohen Bäumen. Lisa, die nur mit einem leichten Sommerkleid bekleidet ist, erschauert vor Kälte. Es ist Zeit, auf den Hof zurückzukehren. Die zukünftige Mutter geht voran. Al Abadi läuft nebenher. Zurzeit überlegt das Paar, nach Norddeutschland umzuziehen und dort einen eigenen Reiterhof zu gründen. Im November kommt ihr erstes gemeinsames Kind zur Welt. Wird es so wie seine Eltern die Pferde lieben und reiten? Viktor antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Unbedingt!“ „Erst reiten und dann laufen lernen!“, sagt Lisa, gibt Al Abadi ein Küsschen und lacht fröhlich. „Aber Hauptsache glücklich. Es soll machen dürfen, woran ihm das Herz hängt, ganz so, wie es seine Eltern tun.“

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