Suche
  • Internationale Gesellschaft zum Schutz und Erhalt der seltenen und gefährdeten Pferderassen
  • info@pferde-der-erde.com
Suche Menü

Kasachstan

Fotos : Nikolay Postnikov

Ein herrliches großes Tal mit Rennstrecken im Süden Kasachstans. Die umliegenden Hügel bilden eine natürliche Tribüne. Ein Starter gibt ein Warnzeichen und 42 dreijährige Hengste gehen an einen Startplatz. Sie sind aufgeregt und haben Lampenfieber. Einer von ihnen wirft direkt an der Startlinie seinen Reiter ab. Das lang erwartete Startsignal und die Pferde galoppieren spornstreichs los. Ein schallendes Pferdegetrampel und die Schreie der Reiter dröhnen mächtig in den Ohren. Die Erde erbebt.  Die fiebrig erwartete Alaman-Bayga, das älteste und beliebteste Langstrecken-Pferderennen in Kasachstan, hat begonnen.

Pferde, Kasachstan

In der kasachischen Steppe, die etwa 5.000 Kilometer von Deutschland entfernt liegt, ritten Vorfahren der heutigen Kasachen wohl schon in der Kupferzeit und hielten Pferde bereits vor 5.500 Jahren als Nutztiere. Über viele Jahrhunderte zogen die Kasachen-Nomaden mit ihren Herden durch die Steppe und lebten mit ihren Familien in den kuppelförmigen Filzzelten, den sogenannten Jurten. Sie spielten auf den Pferden, tranken Kumys, aßen Pferdefleisch. Die wichtigsten Motive ihrer Lieder und Tänze sind Pferde, Reiten und die Jagd. Die Pferde seien die Flügel der Kasachen, sagt ein kasachisches Sprichwort. Ein ehrfurchtsvolles Verhältnis der Kasachen zu den Pferden beweisen die fünfzig Synonyme zur Bezeichnung der Farben und Schattierungen der Pferde in der kasachischen Sprache.

Pferde, KasachstanZur Zeit der Wende zum 20. Jahrhundert zählte die Pferdezucht Kasachstans etwa 4,5 Millionen Pferde (bei circa 3,8 Millionen Einwohnern). Von der Kollektivierung der Landwirtschaft – eine der brutalen Kampagnen(1929 – 1933) Stalins – wurden die Kasachen-Pferde besonders schwer getroffen. Der Pferdebestand schmolz dramatisch, im Jahr 1938 waren noch 300.000 übriggeblieben. Nur dank der Bemühungen von einigen passionierten Züchtern wurden die anspruchslosen, erstaunlich ausdauernden Kasachen-Pferde vor dem Aussterben bewahrt. In Kasachstan, dem neuntgrößten Land der Erde, leben heute etwa 1,7 Millionen der registrierten Pferde (bei etwa 16,8 Millionen Einwohnern), 80 % von ihnen befinden sich in privaten Haushalten. Ein Drittel des gesamten Pferdebestandes machen heute die Kasachen-Pferde aus, die Pferde der einheimischen Pferderasse. Im Verlauf der Rassebildung bildeten sich zwei Typen heraus – ein kleines robustes Dzhabe-Pony und ein orientalisch beeinflusstes größeres Adaev-Pony. Beide wurden für die Zucht des Kustanai, des kasachischen Reitpferdes, verwendet. Der Dzhabe ist ein äußerst zähes Pferd, das unter rausten Bedingungen leben kann und ein unermüdlicher Arbeiter ist. Auf seiner Basis wurde die robuste, für Freilandhaltung in der Herde geeignete Pferderasse Kushum gezüchtet. Der Kushum bringt über 500 Kilogramm auf die Waage und eignet sich damit besonders gut für die kasachische Milch- und Fleischproduktion.

Pferde, Kasachstan

Nach wie vor essen die Kasachen gerne – ohne Ansehen des Alters, des Geschlechts, der Nationalität und der Konfession – das Pferdefleisch. Kasy, eine gekochte Wurst aus Pferdefleisch und -fett mit Knoblauch, und Beschbarmak, ein Gericht aus Pferde- oder Hammelfleisch, sind Lieblingsgerichte der Kasachen. Es ist üblich, dass nach dem Fleischessen der Kumys, vergorene Stutenmilch, getrunken wird – in Zentralasien ein beliebtes, leicht alkoholhaltiges Getränk. Beim heißen sommerlichen Wetter wirkt es erfrischend und beruhigend. In der Sowjetzeit war das nomadische Leben tatsächlich verschwunden, mit ihm die Produktionsweise des Kumys verloren ging. Heute lebt es wieder auf. Herr  Barlubajew ist in ganz Kasachstan bekannt dafür, dass er die Herstellung des Kumys ins Leben zurückgerufen hat.

IPO_4146Einem Sprichwort nach werden Kasachen im Sattel geboren. Es ist deshalb kein Wunder, dass viele von ihnen bis ins hohe Alter vom Pferd nicht absteigen. Bewohner eines Altenheims in der Stadt Semeja sind keine Ausnahme. Sie sind hoch in den Siebzigern, trotzdem  „bestürmen“ sie einen Tag pro Woche die Rennbahn „Semeja“ und kommen noch ohne Probleme auf die Pferde. „Ein richtiger Mann soll ein schnelles Pferd, einen Jagdhund und einen Adler haben“, sind die Kasachen überzeugt. Eine Jagd zu Pferd, insbesondere die Jagd mit majestätischen Adlern, ist eine der größten ihre Leidenschaften. Diese Tradition zieht in den letzten Jahren immer mehr Aufmerksamkeit der europäischen Touristen auf sich. Wenn Sie zahlungskräftig sind, könnten Sie auch mit den Berkutchi-Jägern durch die Steppe jagen. Ein Foto mit einem Adler auf der Hand des Berkutschis zur Erinnerung würde Sie circa 20 Euro kosten. Im nationalen Naturschutzpark Ili-Alatau befindet sich die einzigartige Falkenzuchtfarm „Sunkar“ mit einem Pferdestall und einer Reiterschule für die Natur- und Pferdefreunde, die auf dem Rücken eines Pferdes an einem Ausritt zum Großen Almaty-See, der wie ein glänzender Spiegel in einer Senke liegt, teilnehmen möchten. Das individuelle Reiten und die stundenlangen Gruppenausritte durch malerische Landschaften stehen heute bei den Stadtbewohnern voll im Trend. Dabei ist die Tendenz steigend. In der letzten Zeit schießen die zahlreichen Zentren für Freizeitreiter und Pensionsställe wie Pilze aus dem Boden.

Gegenwärtig steigt auch das öffentliche Interesse an Vollblut-Rennen und die Anzahl der Achal-Tekkiner, des Englischen Vollbluts, der Orlov-Traber nimmt langsam, aber sicher zu. Die Zucht der Vollblüter ruht jedoch hauptsächlich auf den Schultern der Enthusiasten. Ein gutes Rennpferd kostet sieben bis fünfundvierzigtausend Euro, es kommt noch hinzu, dass der Unterhalt des Zuchtpferdes teuer und risikoreich ist. Die meisten Kasachen richten deshalb ihr Bestreben auf die Weltmeisterschaft im Distanzreiten 160 Kilometer mit einem kasachischen Rennpferd – Adaev-Typ, das seit Jahrhunderten in der Region Mangistau gezüchtet wird. Das kleine, in der Widerristhöhe nur 142 cm hohe Pferd wird wegen seiner überragenden Ausdauer, Härte und Schnelligkeit stets im Distanz- und Rennsport eingesetzt.

Immer häufiger kommen die einheimischen Pferderassen bei der kasachischen Polizei zum Einsatz. In Gestalt von Hirten patrouillieren berittene Beamte im Chu-Tal, wo der Hanf auf einer Fläche von 138.000 Hektar wächst. Polizeireiter verfolgen auch Zugräuber, die selbst hoch zu Ross reiten. Täglich streifen berittene Polizisten in den Städten, in den weitläufigen Grünanlagen und Datschen und sorgen für Sicherheit.

sIPO_5524

Das Wort „Kasach“ lässt sich mit „Steppenreiter“ übersetzten. Das versteht sich ja von selbst, dass die Kasachen die Pferde bei jeder passenden Gelegenheit satteln. Traditionelle Festtage mit Pferdereiten, Reitkämpfen oder mit den Sportfestspielen haben zu allen Zeiten eine große Bedeutung für die Kasachen. Beliebt sind  Wettkämpfe im Ringen, Bogenschießen, Kyz kuu – Fang das Mädchen – und Kokpar, ein traditionelles kasachisches Team-Spiel zu Pferde, das in den asiatischen Steppen seit Jahrhunderten gespielt wird. Kokpar ist ein bisschen wie Rugby, aber die Spieler sind auf den Pferderücken und der Ball ist ein kopfloser Kadaver einer toten Ziege.

sNIK_9973Ganz gleich, ob ein Fest oder ein anderes denkwürdiges Ereignis – alles wird zum Anlass für eine Bayga. Die junge Jockeys – die acht- bis 14-jährigen Kinder – reiten je nach Alter der Pferde bis zu 30 Kilometer in vier klassischen Bayga-Disziplinen: Kunan-Bayga, Top-Bayga, Zhorga-zharys (Rennen im Passgang) und Alaman-Bayga (bis 30 km). Meist auf dem blanken Pferderücken. Bei der Bayga geht es um den Sieg um jeden Preis,  selbst wenn das Pferd auf der Strecke fällt. Als eine Ausnahme in der Pferderennen-Welt kommt die Bayga ohne Wetten aus. Aber es ist die stolze Summe des Preisfonds, die jährlich viele Teilnehmer lockt. Bei der inoffiziellen Bayga wird kein Startgeld verlangt, es wird weder nach Pferdepässen noch nach  Zuchtnachweisen  gefragt. Die Reiter müssen sich vor den Rennen nicht wiegen lassen. Wegen der häufigen Todesfälle erklärt sich kein Versicherungsunternehmer bereit, sein Geschäft aufs Spiel zu setzen und eines der Rennpferde zu versichern. Eine Nachfrage nach Pferden für die Bayga übertrifft trotzdem eine Nachfrage nach Pferden für die klassischen Rennen um ein Vielfaches. Die meisten Zuschauer kommen auf die Rennbahn eben wegen der „großen kasachischen Alam-Bayga“, dem eigentlichen Höhepunkt des Pferderennens. Die Zuschauer schreien, lachen und brüllen jedem durch das Ziel schreitenden Pferd Beifall zu. Jeder Reiter, der abgeschlagen und mit letzter Kraft über die Ziellinie stoppelt, wird ermutigt. Ihm wird Anerkennung ausgesprochen und bereits für die nächste Alam-Bayga Glück gewünscht.

sPOS_6308

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.