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Rumänien

Fotos: Alexander Toker

Reinrassige Lipizzaner, schwarze Noniusse, edle Gidrane, charmante Furioso-North Star und Rumänische Warmblüter, arbeitsame Huzulen und zuverlässige Ardennen. Auch Vollblut- und Shagya-Araber, Traber und englische Vollblüter. Die Vielfalt der Pferdewelt Rumäniens liegt im unermesslichen Reichtum seiner Landschaft, die sich von Siebenbürgen zu dem Donaudelta am Schwarzen Meer erstreckt.

Sobald wir die Grenze von Ungarn nach Rumänien überqueren, fällt uns auf, dass das rumänische Landschaftsbild von den Pferden so geprägt ist wie in keinem anderen Land Europas. Auf Wiesen harken Bauern das Heu in lange Reihen, in der Nähe grasen friedlich ihre Pferde. Auf den offenen Straßen ziehen Pferde die Fuhrwerke mit Milchkannen und mit riesigen Baumstämmen.

Wilde Pferde Donau Delta Jeder der Wagen hat ein eigenes Schild, die Pferde tragen rote Fransen unter den Ohren. Das sei ein Schutz gegen böse Geister, erklärt uns ein alter Rumäne. Hier fährt man mit den Fuhrwerken die Ernte ein und dort bringt man mit den Karren Mist auf die Felder aus. Häufig sind auf den Straßen Zigeunerwagen mit Händlern zu sehen, die durch das Land ziehen, um die Waren zu verkaufen. Nebenher laufen Fohlen.

So ist es für niemanden dann keine allzu große Überraschung, dass Rumänien mit mehr als neun Millionen Pferden den Platz fünf in der Weltrangliste belegt. Der Großteil der Pferde befindet sich im Privatbesitz. Bereits in der Jungsteinzeit züchteten Indoeuropäer hier Pferde, und schon in der  Zeit der rumänischen Fürstentümer entwickelte sich ein erfolgreicher Pferdehandel an diesem Ort.

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Bis dato machen die Staatsgestüte ihre Profite durch den Verkauf der Pferde bei Auktionen – rund 300 Pferde pro Jahr. In zwölf Staatsgestüten und vier Hengstdepots gibt es insgesamt etwa 6.500 Pferde, all die der nationalen Forstbehörde Romsilva unterstehen. Ein Grundstein für die noch heute existierenden Gestüte wie Radautz, Lucina und Simbata de Jos  wurde noch zu Zeiten der österreichisch-ungarischen Monarchie gelegt. Diese wie auch andere Gestüte waren im Sozialismus (1945-1991) für die westliche Welt schwer zugänglich. Aus diesem Grunde entstand eine breite Streuung verschiedener Exterieurs innerhalb jeder Rasse. Viele rumänische Pferde gehören zu den Linien, die in Westeuropa selten geworden sind, sie dürften deshalb wichtige Genreserven zur Erneuerung der Pferderassen sein. Ein bezeichnendes Beispiel dazu: Wegen einer Seuche 1983 verlor das österreichische Lipizzaner-Gestüt Piber einen großen Teil des Bestandes. Das Gestüt war gezwungen, Stuten aus anderen Lipizzaner-Gestüten anzukaufen, unter anderem elf leichte Fahr- und Arbeitspferde aus dem rumänischem Simbata de Jos. Im Gegensatz zu den westlichen Lipizzanern kommen bei den rumänischen Tieren verschiedene Fellfarben nicht selten vor.

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Zum Glück entwickelten sich die vielfältigen Eigenschaften bei den Pferden nicht nur hinter dem Eisernen Vorhang. „Hart wie Radautzer“, sagte man schon im 19. Jahrhundert über die harten und eisernen Shagya-Araber aus Radautz (1792). Heute wie früher führen 294 Pferde, meistens kräftige und großrahmige Shagya-Araber, das natürliche Herdeleben auf weitläufigen Weiden mit einer üppigen Pflanzenvielfalt, mit riesigen Bäumen und Büschen am Flussufer. Das Gestüt im Radautz wirkte in seiner jahrhundertelangen Geschichte auf die bedeutendsten Linien nicht nur der heutigen Shagyas-Araber, sondern auch der Gidron-Population ein, gab den Lipizzanern, Noniussen Quartier und war dazu das Zentrum der Huzulen-Pferde, einer der ältesten Pferderassen Rumäniens.

Die Huzulen, eine autochthone Pferderasse, stammen aus der „Huzulei“, dem Ostausläufer der Karpaten, und haben daher auch ihren Namen bekommen. Ihre genaue Herkunft bleibt unbekannt, doch sie ist nachweislich über 125 Jahre alt. Die reinrassigen Huzulen tragen Wildpferdemerkmale, wie Aalstrich, Schulterkreuz und Zebrierung, die sie von ihren Ahnen geerbt haben. Sie lebten halb wild auf Hochweiden und wurden von ihren Besitzern als Arbeitspferde in der Land- und Forstwirtschaft und auch als Tragtiere benutzt. ImWinter trieben Bauern ihre Tiere bei Futtermangel in einen Wald, im darauffolgenden Frühjahr dienten die überlebenden Pferde wieder in der damals straßenlosen Huzulei. So entstand ein kompaktes, stämmiges, harmonisches Pony mit einem ausgeglichenen Charakter und mit festen, harten Hufen, die meist keinen Beschlag brauchen. Eine planmäßige Zucht der Huzulen begann erst 1856, dabei wurden Araber und englische Hengste eingesetzt, so dass der ursprüngliche Typ der Huzulen beinahe verloren ging. Seit 1870 ist Lucina, das in einer Seehöhe zwischen 1.200 und 1.600 Metern liegt, das traditionelle Gebiet der Huzulen-Zucht. Einen starken Eindruck hinterließ bei den Besuchern die ruhig weidende Stutenherde auf den ausgedehnten Hochweiden. Sieben Hauptbeschäler und 73 Mutterstuten mit Fohlen darf man in den gepflegten Stallungen sehen, aber vorher muss man einen Desinfektionskorridor durchqueren. Das Pony ist sehr vielseitig und wird zu Trekkingtouren, Reiten und Fahrten gezüchtet. Immer noch sind die Tiere im Karpatenraum mit kleinen landwirtschaftlichen Strukturen ein nicht wegzudenkender Partner für die Bauern. Auch als ausdauernde, trittsichere Wanderreitponys sind sie sehr beliebt.

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Durch die Motorisierung der Landwirtschaft wurden unüberlegte Veränderungen an dem größten Teil der Zugpferderassen vollzogen. Es ist auch den reinstämmigen Noniuspferden nicht gelungen, einer „Verbesserung“ auszuweichen. „Das Pferd Napoleons“ wurde mit den Holsteinern und Hannoveranern gekreuzt. Reines Noniusblut ist außer in Ungarn auch noch in Rumänien im Gestüt Izvin vorzufinden. Hier leben in dem einzigen Pferdegestüt in der Westregion wohl circa 247 der schwarzen Nonius und der kraftvollen Ardenner und 30 Familien, die diese Pferde pflegen. Auf dem Gelände wachsen 1.000 Akazien, die Kinder und Jugendliche 2011 gepflanzt haben. Grundsätzlich verkauft das Gestüt die Pferde mit ihrem Nachwuchs nicht, sie bleiben im Besitz des Staates. Außer jenen Fohlen, die den Kriterien der Rassen nicht entsprechen.

Dienstreise für CAVALLOEin Pferd in Rumänien zu sein ist dennoch nicht einfach. Nach der Auflösung der Kolchosen 1989 wurde eine große Zahl der Tiere im Stich gelassen. Die meisten strömten ins Donaudelta. Zur gleichen Zeit strichen tausende halbwilde Pferde durch das Naturparadies des Donaudeltas. Durch die rasch sich vermehrenden Tiere wurden die seltenen Pflanzenarten des Letea-Waldes gewaltig bedroht. Nach reiflicher Überlegung und langer Diskussion entschieden sich die rumänischen Behörden, die wild lebenden Pferde zu reduzieren. Dass die Wildpferde bislang noch leben, ist wohl nur dem Tierschutzverein „Vier Pfoten“ zu verdanken. Im letzten Moment wurden auf dem Weg zum Schlachthof 70 Pferde von „Vier Pfoten“ und von den Pferdefreunden gerettet.

Verstümmelung und Pferdequälerei sind in Rumänien keine Seltenheit. In den ärmsten Gegenden des Landes, wo Menschen selbst ein elendes Dasein führen, geht es den Tieren besonders schlecht. Tierschützer, deren Zahl in Rumänien stetig steigt, sind überzeugt davon, dass die Armut die Grausamkeit gegenüber den Tieren nicht rechtfertigen kann. Sie protestieren  gegen  die sklavenartige Haltung der Tiere und das gnadenlose Geschäft mit den hilflosen Pferden. Zu ihnen gehört auch Cristian Simin, der seine Freizeit vor einem Eingang eines Schlachthofes verbringt und von Schlachtern die kranken Pferde loskauft, und auch Herr Reileanu, ein 33-jähriger Tierarzt, Ausbilder und Züchter des Rumänischen Sportpferdes. Er glaubt, dass die wilden Pferde ein echter Schatz für die zukünftigen Rennpferde sind.

Auch Barbara und Christoph Promberger, die Besitzer des Reiterzentrums „Equus Silvania“ am Fuße der transsilvanischen Karpaten, sind aktive Naturschützer in Rumänien und etablierten eine Reihe von Naturschutz- und Ökotourismus-Projekten. Bei der Auswahl der Touren behalten die Prombergers die Tageseinstände der Wildtiere und saisonal bedingte Ereignisse, Erosionsschutz und ein Wegverbot durch Heuwiesen während der Sommersaison im Auge.  Eine einwöchige 180 Kilometer lange Rundtour «Trailritte» ist wohl einer der reiterlichen Höhepunkte in Europa. Zu den Highlights des Equus Silvania gehört  die Beobachtung wilder Bären von einem Häuschen auf Stelzen, auch eine Übernachtung in der Nähe einer Streusiedlung, wo die Menschen noch wie im Mittelalter ohne Strom und fließendes Wasser leben. Nach jedem Ausritt verbringen Pferdefreunde die Abende gemütlich vor dem offenen Kamin der Pension bei einem Schluck rumänischen Weins oder Schnapses.

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4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Mit Rückblick auf aktuelles Geschehen ist es sehr wichtig auch über die aktuelle Lage der Pferde in Rumänien zu berichten. Danke !

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