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Russland

Fotos: Alexander Toker & www.laerta.com

Das Neujahr steht schon wieder vor der Tür. Pünktlich zum Silvester kommt Ded Moros („Väterchen Frost“)  zu den russischen Kindern mit einem großen Sack voller Geschenke. Er fährt einen bunten Schlitten, gezogen von drei schönen Schimmeln – die russische Troika. Nicht nur Ded Moros allein findet Gefallen daran. Zur Neujahrszeit sind die verschneiten Straßen voll  mit Einheimischen und ihren Gästen, die sich in bunten schellenden Schlitten vergnügen. Troikas mit ihren bimmelnden Glocken und klangvollem Hufengeklapper gehören fest zur russischen Kultur sowie ihrer Pferdewelt.

2-Svetlana Petrova„Die Troika – das typisch russische Dreigespann – war im 19. Jahrhundert sehr verbreitet im Straßenbild und mit einem Tempo von bis zu 50 Kilometern pro Stunde das schnellste Verkehrsmittel“, erzählt der Troika-Fahrer Sergej Ivanov. Eine gut zusammengestellte Troika ist ein Kunstwerk. Farbe, Exterieur und das Geschlecht der Pferde sollen sehr gut miteinander harmonieren wie auch die Gangart und das Temperament. Jeder Troika-Besitzer sorgte sich darum, dass sein Dreigespann grell und prägnant war. Sein besonders stolzes Ziel blieb jedoch ein bunt bemalter Holzbogen, „Duga“ genannt, mit den Valdai-Glocken.  Ihr Gesang schuf eine einzigartige und angenehme Melodie für die Ohren. Die Troika mit den Orlow-Trabern – der berühmtesten Rasse in Russland – war eine Freude für die Augen. Sie wurde nach ihrem Schöpfer Graf Aleksej Orlov-Chesmenskij, einem der berühmtesten Staatsmänner der Epoche Katerinas II. (1762-1796), benannt. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden auf dem Moskauer Hippodrom – einer der ältesten Rennstrecken in Europa – Troika-Turniere durchgeführt, die bis Anfang des 20. Jahrhunderts im Russland sehr beliebt waren. 1917 brach die Revolution aus.4-Svetlana Petrova

Als in den 90er Jahren  Alla Polzunova (75), die international anerkannte russische Reiterin und Vize-Präsidentin der Traber-Vereinigung „Gemeinschaft“, es zu ihrem Anliegen machte, die verlorengegangene Tradition des Troika-Fahrstils wieder aufleben zu lassen, war sie beinahe schon zu spät. Sie fand nur einen einzigen Mann, der wusste, wie die Pferde für die Troika trainiert werden und wie eine Troika gefahren wird. Nur dank einer Gruppe von Enthusiasten und Alla Polzunova liegen die Troika-Rennen wieder im Trend und die wichtigsten Traberpreise des Landes werden im Moskauer Hippodrom ausgetragen. Dennoch bleibt die eindrucksvolle Orlow-Traber-Rasse mit etwa 500 reinrassigen Zuchtstuten eine gefährdete Rasse.

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Es ist heutzutage sehr schwierig sich vorzustellen, dass es einst im Russland etwa 36.000.000 Pferde und mehr als 50 Pferderassen gab. Derzeit grasen in der Weite Russlands rund 1.500.000 Pferde und etwa 14 Rassen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion gingen die Staatsgestüte Pleite, die Pferde wurden massenhaft versteigert. Häufig standen die gekrönten Hengste und Stuten vor Schlachthöfen. Die Finanzierung durch den Staat war und bleibt bis heute gering. Ohne jegliche Hoffnung in den Vater Staat und ohne Rücksicht auf den Eigennutzen stürzten sich zahlreiche Pferdefreunde darauf, die Tiere zu retten. Obwohl die Zucht im Land kein Zuckerschlecken ist, entstehen private Reitschulen und Gestüte. Der größere Teil der Pferdeliebhaber kann allerdings kein Pferd kaufen oder leihen. Die Haltung eines Pferdes kostet in einer provinziellen Pension ohne Pflege ab 125 Euro, in Moskau und St. Petersburg kostet es schon ab 1.000 Euro. Ein durchschnittlicher Lohn beträgt 430 Euro. Es gibt keine Gesetze für die Pferdehaltung, also ist die Qualität der Kontrollen der Pensionsbesitzer und der Trainer unter aller Kanone. Lange Zeit schon befindet sich auch der Pferdesport in einer tiefen Krise. Aktuell ist die einzige sportliche Leistung der sechste Platz der russischen Reiterin Alexandra Korelova mit dem 18-jährigen Schimmel-Orlow-Traber Balagur bei den Olympischen Spielen 2008 in Honkong.

6rus A tokerWer an die russische Post-Troika denkt, stellt sich drei schöne Schimmel-Orlow-Traber vor. Im 18. Jahrhundert waren jedoch die ausdauernden Vjatkas (im Stockmaß 138 bis 145 cm) mit ihren kräftigen Beinen  für die Post-Troika sehr beliebt und hochgeschätzt. Leider wurden zu sowjetischer Zeit die staatlichen Vjatka-Gestüte aufgelöst: Die Pferde wurden verkauft oder geschlachtet, das Zuchtbuch ging verloren. Die einzigartige uralte Waldtyppferderasse hatte dennoch Glück im Unglück. Während viele Züchter sie für ausgestorben hielten, suchte Herr Juferew, ein Bauer aus Udmurtia, letzte Exemplare in den abgelegenen Orten Udmurtias, die circa 1.500 Kilometer von Moskau entfernt liegt, zusammen. Die meisten von ihnen leben noch heute auf seinem Gestüt unter halbwilden Haltungsbedingungen. Mit nur 300 Zuchttieren gehören Vjatkas zu den vom Aussterben bedrohten Rassen. Herr Juferew ist indessen überzeugt, dass die Vjatkas mit ihrem gutmütigen Charakter als Reitpferd für Kinder sowie als Zug- oder Schlittenpferd in der Landwirtschaft wieder im Kommen sind.

7rus A tokerMenschen wie Herrn Juferew nennt man im Russland „rettende Engel“. Zur Freude der Liebhaber der Don-Pferde-Rasse kamen ihre „rettenden Engel“ zur rechten Zeit. Das Dontschack, so heißen Don-Kosaken liebevoll ihr Pferd, hat lebhafte Augen und Ohren, ist schnell, kann viel ertragen und ist unglaublich schön. Wegen seiner fuchsroten Fellfärbung mit einer hellen bis dunklen Tönung  trägt es den Namen „Das lebende Gold Russlands“. Der Pferderitt der Don-Kosaken von Moskau nach Paris, den wir im Oktober 2012 beobachten konnten, finanzierten zum größten Teil die engagierten Verehrer und Züchter der Don-Pferderasse. „Das lebende Gold Russlands für die Tour auszusuchen, schien nicht einfach“, seufzt Frau Dr. Nikolaeva (38), wissenschaftlichere Mitarbeiterin beim VIIK[i], „weil es heute in Russland nur noch etwa 800 Don-Pferde gibt.“ Ihre Popularisierung stand deshalb im Vordergrund der Tour.

Dem Wladimirer-Traktorenpferd – einem muskelstarken Riesen mit langen stämmigen Beinen, mit üppiger Mähne und Schweif – hat das Glück ja den Rücken gekehrt. Die Verelendung der Kolchosen und die Auflösung der Gestüte versetzten ihm, wie anderen russischen Kaltblütern auch, beinahe den Todesstoß. Die Mitarbeiter des Gestüts Gawrilowo-Posadski bleiben ihren 200 prächtigen Kaltblütern treu und versuchen um jeden Preis, die Rasse am Leben zu halten. „Privatunternehmer sind die Zukunft dieser Rasse! Benzin ist teuer, ihre Technik ist längst überholt, neue Technologien sprengen die finanziellen Mittel vieler russischer Unternehmen. Das Wladimirer Traktorenpferd ist ohne Zweifel ein schönes und großartiges Zugpferd, das selbstverständlich als hervorragendes Fahrpferd dienen kann“, so ein der Mitarbeiter des Gestütes.

Russland 1- , Svetlana PetrovaDie Pferdezucht Russlands zerfällt in Scherben. Doch gibt es eine Pferderasse, die das Geschehen nicht betrifft, im Gegenteil ist sie sehr gefragt. Als der russische Forscher Sergej Zimov das Ökosystem der Mammut-Steppe im Permafrost neu erschaffen wollte, wählte er widerstandsfähige, genügsame halbwilde Jakuten-Ponys als die ersten Einwohner seines Pleistozän-Parks aus. Kräftige Tiere mit dicker Haut und dickem Fell ertragen Temperaturschwankungen von -75 °C bis + 45 °C und leben ganzjährig halbwild in der Taiga, sogar bei kältestem Frost und tiefstem Schnee. Die genaue Herkunft der jakutischen Ponys ist nach wie vor unklar. Heute leben in Jakutien rund 200.000 Ponys mit dem Stockmaß bis 140 cm, mit großem Kopf, geradem, massigem Hals und großen Hufen, die das Einsinken in Moor, Matsch und Schnee verhindern. Sie sind unverzichtbare Reit- und Packtiere, auch unentbehrliche Fleisch- und Stutenmilchlieferanten für Jakuten. Seit 1989 durchstreifen mehr als 20 Jakuten-Ponys eine eisige Wüste 150 km südlich vom nördlichen Eismeer. Im Sommer „weiden“ die Pferde bis an ihre Mähnenspitze in Seen versunken, um den zahllosen Stichen zu entkommen.  Oder sie stehen den ganzen Tag im dichten Rauch der Feuer. Sie werden von den Mitarbeitern des Parks für die kleinen Tiere gemacht, um sie vor Mücken und Bremsen zu schützen. Als Forscher aus verschiedenen Ländern den Park besuchten, stimmten sie zu, dass es mit den Pferden gelungen ist, ein Stückchen uralter Mammut-Steppe zu erneuern.

Aufgrund der rasch wachsenden Arbeitslosigkeit und der Niedriglöhne richten die Bewohner Transbaikaliens ihre Blicke auf die Zabaikalski-Ponys als Arbeitspferde und auch als Lebensmittellieferanten. Auf dem Tschita-Gestüt und dem Aginsk-Gestüt leben heute etwa 900 Zabaikalkis, unter ihnen über 300 gekräuselte Köpfe. Wie lange die kleinen (128 bis 140 cm), zähen Ponys hier schon leben, lässt sich nicht genau sagen. „Außer dem gelockten Fell zeigen Zabaikalski-Ponys kaum Ähnlichkeit mit den amerikanischen Baschkiren. Leider wurde unser Pony bisher nicht gründlich erforscht“, seufzt Zabaikalski-Züchterin Frau Pankowa.

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Heutzutage finden die gekräuselten Köpfe viel Zuspruch bei Privatunternehmern und Reitschulen. So  tummeln sich nun einige Zabaikalskis auf der Koppel des Campings „Biberjagdhaus“ auf dem Altai. Ausgezeichnetes Flugwetter herrscht hier leider nicht immer. Zudem stellte es sich heraus, dass viele Menschen mit Kindern auch bei gutem Wetter nicht nur die zauberhafte Gegend  von oben sehen wollen, sondern auch auf dem Rücken eines Ponys mit dem dicken, gekräuselten Fell in eine unverfälschte Natur eintauchen möchten. Bereits beim ersten Versuch reagierten die Gäste auf die Haare der Zabaikalskis gar nicht oder kaum allergisch. „Wenn ich mit der Hand über das glatte oder lockige Haar der Tiere fahre, werden meine Finger fettig. Forscher aus Deutschland vermuten, dass dank dieser dicken Schicht des Talges die Allergene nicht so gut zur Oberfläche durchdringen können“, so Herr Mitin, der Besitzer des „Biberjagdhauses“. Einige Züchter versichern, dass Zabaikalski-Ponys nach Schafwolle oder Lammwolle riechen. „Ich habe an ihnen geschnüffelt“, schmunzelt Vladimir. „Nein, meine riechen wie normale Pferde.“

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[i] VIIK – das allrussische wissenschaftliche Institut der Pferdezucht

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