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Russland: Vjatka ist ein uraltes russisches Pferd

Vjatka ist ein uraltes russisches Pferd Fotos: Tatjana Minkewitsch

Vjatka ist ein uraltes russisches Pferd
Fotos: Tatjana Minkewitsch

Vjatka[1] zählt zu einer  einzigartigen uralten Waldtyppferderasse des russischen Nordens, die Zeit seines Lebens mal auf dem Gipfel ihres Ruhmes war, mal Jahrzehntelange am Rand des Verschwindens blieb. Aber immer wieder wandelt sich eine Pechsträhne in ihrem Leben sicher in eine Glückssträhne. Der Vjatka-Züchter Juferew ist überzeugt, dass die Rasse jetzt wieder im Kommen ist, die Zahl der Vjatka- Züchter und der Vjatka-Besitzer nimmt stätig zu.Als die ersten Klosterschwestern des Novo-Golutvina Nonnenklosters 1996 in Kolomna ankamen, haben sie statt eines Klostergebäudes nichts weiter als verwilderten Platz und düstere Gestalten vorgefunden, die hier zwischen den Trümmern schlenderten.  Nach einigen Jahren, in denen das Kloster auf Vordermann gebracht wurde, mussten die Klosterschwestern ein Arbeitspferd für ihre rasch wachsende Wirtschaft kaufen.  Sie brauchten das universale Pferd mit einem  ausgeglichen, ruhigen, sittsamen und gutherzigen Charakter. Dabei wollten die Klosterfrauen eine der ursprünglichen russischen aussterbenden Pferderassen unterstützen. Nach langen Diskussionen des Für und Wider fiel ihre Wahl auf Vjatka, eine uralte nördliche Waldklepperrasse. Vjatkas sind hübsch, gutmütig und zuverlässig, fleißig bei der Feldarbeit, im Wald oder mit Kutsche und bequem beim Reiten.  Sie brauchen kein teures Mastfutter und fühlen sich bei jedem Wetter sauwohl.
Vjatkas sind hübsch, gutmütig und zuverlässig, fleißig bei der Feldarbeit, im Wald oder mit Kutsche und bequem beim Reiten.

Vjatkas sind hübsch, gutmütig und zuverlässig, fleißig bei der Feldarbeit, im Wald oder mit Kutsche und bequem beim Reiten. 
Als die Klostervorsteherin Ksenija (weltlicher Name Irina Sajzewa, ehemalige Journalistin) einige Fachleute nach der Vjatkarasse fragte, zuckten diese bloß mit den Schultern. „Vor langer Zeit starben Vjatkas aus.  Sie kommen viel zu spät“, seufzten Wissenschaftler.
Erste schriftliche Erwähnung, die Vjatka als „gängige russische Pferderasse nur mit den besten Qualitäten“ beschreibt, liegt aus dem 17. Jahrhundert vor. Laut  anerkannter Hypothesen entstand Vjatka-Rasse aus der Kreuzung der heimischen Waldpferde mit Estländischen Kleppern, die schon im 17. Jahrhundert während der Regierungszeit des Zaren Alexis Michajlowitsch (1629-1676) und seines Sohnes Peters des Großen (1672-1725) in jene Gegend eingeführt worden waren, um die dortige Rasse zu verbessern. Später, unter Katharina der Großen (1729-1796), soll eine umfangreiche Einkreuzung von Finnischen Kleppern stattgefunden haben. Im 18. Jahrhundert, vor allem wegen ihrer Ausdauer und ihrer Anspruchslosigkeit, waren Vjatkas mit kräftigen Beinen in  größeren Städten als Post-Troika und später als Droschkenpferde sehr beliebt und hochgeschätzt. Letztendlich hatte ihre Popularität beinahe zum Verschwinden der Rasse geführt. Die Pferde wurden in großen Mengen ohne Kontrolle  aus ihrer Heimat in andere Regionen Russlands ausgeführt. Darauf folgte systemlose Kreuzung mit schwereren Kaltblutrassen, um sie in Kaliber und Gewicht aktuellen landwirtschaftlichen Anforderungen anzupassen. Niemand dachte daran, eine Genreserve aufzubauen. Nach spärlicher Wiedergeburt der Rasse in den 30. Jahren des XX. Jahrhunderts, wurde Vjatka durch zunehmenden Maschineneinsatzt und später durch Sportpferdzucht verdrängt. In der ehemaligen UdSSR wurden die staatlichen Vjatka-Gestüte aufgelöst, die Pferde verkauft oder geschlachtet, das Zuchtbuch ging verloren.

Herr Juferew rettete  die alte Pferderasse und hat jetzt in seinem Besitz eines der größten Vjatka-Gestüte in Russland.

Herr Juferew rettete die alte Pferderasse und hat jetzt in seinem Besitz eines der größten Vjatka-Gestüte in Russland.

Während viele Züchter Vjatka-Rasse für ausgestorben hielten, setzte Herr Juferew, der Bauer aus Udmurtia, alles daran die letzten Exemplare in den abgelegenen Orten Udmurtias zusammenzusuchen und brachte sie in sein Gestüt, wo sie bis heute gezüchtet werden. Damit rettete Herr Juferew die alte Pferderasse und hat jetzt in seinem Besitz eines der größten Vjatka-Gestüte in Russland. Mit nur 300 Zuchttieren gehören Vjatka-Pferde heute zu den vom Aussterben bedrohten Rassen.  In ihrer Heimat Udmurtia, die circa 1.500 Kilometer von Moskau entfernt liegt, leben sie unter halbwilden Haltungsbedingungen. Bei jedem Wetter von April bis Januar sind die Pferde rund um die Uhr im Wald, drei Monate im Jahr verbringen sie die Nächte im Stall und kommen von 7.30 bis 18.30 raus. Erst im Jahr 2000 stellte Herr Juferew zum ersten Mal die Vjatkas auf Moskauer Messe Equiros öffentlich vor. Aus den Augen verlorene Pferderasse erregte nicht nur unter den Fachleuten Aufsehen, sondern auch unter den Pferdebesitzern und Pferdeliebhadern.

Tatjana Minkewitsch mit ihren Vjatkas

Tatjana Minkewitsch mit ihren Vjatkas

Tatiana Minkewitsch, Tierärztin aus Moskau, wurde von den mausfarbenen mit dunklem Aalstrich und schwarybraunen Beinstreifen Vjatkas, ihrer  Anmut und Kraft so fasziniert, dass sie sich schwor, bei der erstbesten Gelegenheit Vjatkas zu kaufen. „Damals arbeitete ich als Tierärztin bei einer Kirchengemeinde in Butovskij Poligon[ii]“, erinnert sich Tatiana daran. „Erst einige Jahre später, als der Kauf eines Pferdes in der Gemeinde überhaupt zur Frage stand, nahm ich die Gelegenheit wahr, meinen Traum zu verwirklichen.“  Koste es, was es wolle. Frau Minkewitsch finanzierte der Gemeinde den Kauf von zwei Vjatkas. Am 24. Dezember 2004 in später Abendstunde fuhr ein Lastwagen mit zwei Vjatka-Ponys aus Udmurtia auf den Viehhof der Kirchengemeinde ein. Am nächsten Morgen musterten die Mitglieder der Gemeinde langerwartete halbwilde Reliktpferde: eine mausgraue mit Stahltönung und mit ausdrucksvollem Gesicht Stute namens Bela, 2003, und ein kleines ungeschicktes mit großem Kopf Fohlen Gordyj, 2004, das mit der Zeit zu einem gut proportionierten Hengst heranwuchst. „Zu der Zeit hatte ich von der Vjatka-Rasse keine Ahnung, und andere Geimeindemitglieder verstanden von den Pferden überhaupt keinen Deut. Logischerweise erlitten erste Versuche, Kontakt mit den Ankömmlingen aufzunehmen, eine Niederlage“, schmunzelt Tatiana. Auf das Herantreten zu den Pferden reagierte das Fohlen mit Flucht: Hauptsache weg von ihr. Es versteckte sich hinter der Stute. Die Stute legte die Ohren flach an, kräuselte Nüstern und bleckte die Zähne. Eines war klar, Bela stand unter Stress. Halfter anlegen, Putzen, Führen – alles unmöglich. Leckerlies lockten die Tiere auch nicht an, weil man sie in Udmurtia an Nascherei erst gar nicht gewöhnte. „Solches Verhalten der Pferde verwirrte mich und langsam bekam ich Zweifel an dem angeblich guten Charakter der Vjatkas“, erzählt Tatiana mit einem Lächeln. „Auf meine „Hilfeschreie“ antworten meine bekannten Pferdeausbilderinnen aus Moskau, Jewgenija Swetlowskaja und Olga Pawlichina.“ Sie kamen am Wochenende. „Zum Grundsatz in den ersten Wochen wird: Eigene Selbstsicherheit vermitteln, die sich auf die Pferde überträgt“, so Olga. Jewgenija warnte Tatiana vor den Stresskoliken, die man nie ganz vermeiden könnte. Den Hals der Stute streichelnd, bemerkte die Pferdefreundin, dass sie selbst mit dem Übersiedeln der Tiere lieber bis zur Weidesaison gewartet hätte, weil die Tiere in dieser Zeit erstmal viel mit Gras beschäftigt sind, was reduziert den Stress der Tiere. Nach einer Woche fasste Bela endlich ein wenig Zutrauen zu den Menschen, und erlaubte sie zu putzen, gründlich zu striegeln, Stirnschopf und Schweif zu säubern, Mähne durchzubürsten und die Hufen auszukratzen. Nachdem sich die beiden auch an die Leckerlies gewöhnt haben, war  alles Übrige ein Kinderspiel. Selbst das erste Einreiten beeindruckte Bela kaum.

Vjatka, die alte russische Pferderasse

Vjatka, die alte russische Pferderasse

Nicht mal Tatiana persönlich weckte ihr Interesse hinreichend, da es ihr nebensächlich erschien, wo sie die leckere Möhre her hatte, von unten oder von oben. Tatianas Beinen, die von beiden Seiten ihrer Flanken runterhingen,  erregten ihre besondere Neugierde. Sie beschnupperte die Füße und knabberte leicht an ihnen. Es stellte sich heraus, dass  die Stute im Ritt sehr bequem war; seither reitet sie Tatiana mal mit, mal ohne Sattel und Zaumzeug. Um mehr über die Bedürfnisse und Gewohnheiten ihrer Pferde zu lernen, ging Frau Minkewitsch mit den Pferden auf die Weide und blieb bei ihnen eine Weile, beobachtete sie still. Womit Tatiana die Aufmerksamkeit der Pferde immer wieder auf sich zog. Gordyj hörte einmal auf zu grasen und starrte sie mit seinen großen schwarzen Augen  an: Was macht die Frau da eigentlich? Bereits einen Monaten später kamen Bela und Gordyj zum Tor, sobald Frau Minkewitsch auftauchte. Da Vjatkas vor allem als Arbeitspferde gekauft wurden, sollten sie in der Landwirtschaft eingesetzt werden: zum Transport der Agrarprodukte, zur Müllabfuhr, zum Transport von Futter und Wasser zur Farm. All diese Arbeit machte Bela willig und das Fohlen Gordyj lief in der Anfangszeit nebenher. Robuste und nervenstarke Vjatkas fürchteten das Gekrache der Lastwagen oder  Traktoren nicht und auf das Bellen der Hunde, die in der nächsten Nachbarschaft frei herum liefen, reagierten sie gar nicht.  Die Stute wurde bisher noch nie vor den Wagen gespannt, deshalb sollte Tatiana Bela auf die erste Anspannung vorbereiten. Ein paar Tage lang begleitete sie mit Bela eingespannte alte Stute Lesia bei der Arbeit und auf dem Hof.

Vjatka auf einer Wiese

Vjatka auf einer Wiese

Trotzdem missglückte der erste Versuch Bela einzuspannen. Im Handumdrehen stürzte sich Bela vom Wagen los, im nächsten Moment blieb sie jedoch stehen, kam zur Ruhe und näherte sich wieder langsam dem Wagen. Wie sich später herausstellte, ist Vjatka sehr neugieriges Pferd und hat den Drang alles Unbekannte genau zu untersuchen. Sie schnappt sich alles, was unbeaufsichtigt auf dem Hof herum lag, spielt und kaut darauf rum: Leine, Dosen, Bürsten. „Die Trense hat Bela aus eigener Dummheit selbst gerne genommen: „Das muss ich probieren!““, grinst Tatiana. Schon im Frühling desselben Jahres 2004 kam es ans Licht: Vjatkas sind perfekte Hirten! Bela gibt acht auf unsere Kühe, reagiert wach und schnell, sobald sich eine von ihnen etwas weiter weg von der Herde bewegt. Die Stute rennt ihr dann nach, beißt sie leicht in eine Flanke und kehrt sofort zurück. Die Kuh folgt ihr gehorsam. Bis 2006 blieben Bela und Gordyj im Stall der Kirchengemeinde. Sie wurden als Arbeitspferde auf dem Feld, auf dem Hof und als Fahrpferde eingesetzt. Trotzdem blieb es dabei, dass allein Tatiana und ihr Mann zu Gordyj und Bela den engen Draht hatten. Deshalb mussten beide Pferde, als Frau Minkewitsch schwanger wurde, vom Hof.   Frau Minkewitsch mit der Unterstuetzung ihres Mannes gründete einen wohltaetigen Pferdeclub für Kinder bei der Kirchengemeinde im Dorf Synkowo.

ein Ausflug ins Grüne

ein Ausflug ins Grüne

Als wir Tatiana besuchten, trugt sie Jeans, flache Stiefel und bunte Bluse, saht zufrieden aus und freute sich über unseren Besuch. Wir standen hinter dem neu gebauten Gebäude der Kirche, wo sich jetzt ein Pferdestall für Vjatkas-Pferde und große Koppel befinden. Weiter hinten – endlose Weiden. Von der Weide hörte man das leise Wiehern der Pferde und die fröhlichen Stimmen der Kinder. Bela und Gordyj gehören zurzeit zur Eliteklasse der Vjatka-Pferderasse. „Von zahlreichen Vjatkas-Zuchtshow, Ausstellungen und Wettbewerben bringen sie regelmäßig Auszeichnungen und Ehrenpreise mit; unter anderem Preise der Zuschauersympathien“, sagte Tatiana stolz. Als Gewiner auf den Kirchenhof zurückkommen, übernehmen sie voll und ganz die wirtschaftlichen Aufgaben auf dem Hof.

Vjatka, eine alte russische Pferderasse Fotos: Tatjana Minkewitsch

Vjatka, eine alte russische Pferderasse
Fotos: Tatjana Minkewitsch

[1] Das Vjatka-Pferd

Gutmütiges Pferd mit frommen Charakter und munterem, energischem Temperament. Es ist ausdauernd, zäh, anspruchlos.
Moderner Vjatka ist das Kutschpferd vom kräftigen, aber harmonischen Körperbau. Durch Selektion wurde Vjatka höher als seine Vorfahren der 30-50ern, seine Widerristhöhe beträgt 146-155cm. Brust ist muskelös und breit. Der Rücken ist breit und lang. Die Beine sind kurz, kräftig, fest und mit guten Hufen. Mähne und Schweif sind sehr oft lang und dicht.
Farben: Charakteristisch sind Falben, reh- oder mausfarben, mit Aalstrich, der Andeutung eines Schulterkreuzes und zebraartigen Streifen an Vorderarmen und Unterschenkeln. Häuftiger sind Braune in unterschiedlichen Tönungen.
Einsatz: Vjatka ist leichtes Zug-, Pack- und Reiterpferd der nördlichen Waldgebiete. Nimmermüdes Arbeitspferd im leichteren landwirtschaftlichen Zug und dem winterlichen Holztransport.
Die Rasse ist vom Aussterben bedroht. Die Zucht ist nicht in Gestüten konzentriert, sondern in kleinen Bauerwirtschaften über das Land verstreut.
Herkunft: Udmurtia, Baltische Republiken

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für diesen schönen Bericht.
    Wie steht die Chance an so ein Pferd in Deutschland zu kommen?

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