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Die wilden Przewalski-Pferde in der Tschernobyl-Sperrzone

Askania-Nova/ Przewalskis

Askania-Nova/ Przewalskis

Wildlebende Przewalskis erforschen  war schon immer ihr Traum. Bereits seit achtzehn Jahren wohnt und arbeitet die ukrainische Wissenschaftlerin Tatjana Zharkikh im Naturschutzgebiet Askania-Nova, wohin sie unmittelbar nach dem Zoologie Studium an der Odessa Universität kam. Askania-Nova wurde vom deutsch-russischen Großbesitzer Friedrich Falz-Fein im Jahr 1887 gegründet. Bekannt geworden ist es durch seine Przewalski-Pferdzucht und steht in einer Reihe mit den berühmtesten  Biosphärenreservaten wie dem Serengeti Nationalpark in Tansania und Yellowstone Nationalpark in den USA.
Die Wände des Büros Frau Zharkikh sind mit zahlreichen Przewalski-Pferdefotos behängt, ein Bücherschrank ist mit  Büchern und Zeitschriften über die Pferde auf Russisch, Ukrainisch und Englisch vollgestopft. Auf dem Arbeitstisch liegt die 85ste Veröffentlichung – „Demographische Populationswerte der Przewalski-Pferde in der Tschernobyl-Sperrzone“.

Frau Sharkih, Askania-Nova

Während des Studiums hatte sie ein Praktikum im Naturschutzgebiet Askania-Nova und hat die wilden Przewalskis ins Herz geschlossen. Nach dem Studium kehrte die junge Frau zu ihnen zurück, um das Verhalten und die natürlichen Gewohnheiten der „stolzen Mongolen“ zu erforschen.Als Freizeitreiterin sitzt sie am liebsten auf dem Pferd ohne Sattel und ohne Zügel. Reitsport lehnt sie strikt ab, da sie die Behandlung der Tiere in diesem Sport für rücksichtslos hält. Die Ukrainerin mit rosigen Schmolllippen und makellos schöner Haut, die sie stets unter einem großen Hut versteckt, reitet jeden Tag, bei jedem Wetter und in jeder Verfassung in die Steppe aus, um die Pferde zu beobachten. „Przewalskis-Pferde haben ein energisches und ein lebhaftes Temperament. Sie sind ausdauernd, freiheitsliebend und sehr neugierig, haben jedoch ein hohes Aggressionsniveau. Stuten können artfremde Jungtiere angreifen und zu Tode beißen und trampeln”, erzählt Tatjana Zharkikh auf dem Weg zu den Pferden durch die Frühlingssteppe. Sie geht auf einen Przewalski-Hengst zu und kratzt ihn mit aller Kraft neben der Mähne. Die Unterlippe des Pferdes hängt schlaff herab und zittert. „Das ist ein sicheres Zeichen, dass es ihm gefällt!”, erklärt sie und fügt stolz an: “Selbst Wölfe haben Angst vor ihm“. Alle Pferde nennt Tatjana Zharkikh beim Rufnamen und kann sie äußerlich auseinanderhalten.

Przewalskis, Askania-Nova

Przewalskis, Askania-Nova

Frau Zharkikh ist ein aktives Mitglied der Europäischen Kommission.  Sie glaubt fest daran, dass „nur durch die internationale Kooperation der Wissenschaftler, sowie die gewissenhafte Arbeit der Einzelpersonen und zoologischer Institutionen die Stabilisierung der Population des Przewalski-Pferdes erreicht werden konnte“. Besonders schätzt sie die Zusammenarbeit mit Dr. Waltraut Zimmermann, Kuratorin für Säuge- und Huftiere des Kölner Zoos, die sie als engagierte Wissenschaftlerin respektiert und von der sie viel lernt.

Tschernobyl-Sperrzone/Przewalskis

Tschernobyl-Sperrzone/Przewalskis

Am Ende der neunziger Jahre, um das Ökosystem der Tschernobyl-Zone, die sich über 207 000 ha ausbreitet, wiederherzustellen und anzureichern, entwickelte das Ukrainische Zoologische Institut das Konzept „Fauna“. Der Aufbau einer Population von Przewalski-Pferden in der Sperrzone war einer der wichtigsten Punkte dieses Projektes. Die Tschernobyl-Waldsteppe beherbergte damals schon Rot- und Rehwild, Elche, Wildschweine, Fuchs, Wölfe und seltene Arte der Vögel, aber hier wurde der Mangel an Huftieren, besonders an Grasfressern, heftig gespürt: Die Reduktion der trockenen Gras geschah in der Zone langsam. Folglich involvierte es die Gefahr der Feuerentstehung, die eine neue radioaktive Wolke freisetzen können hätte.
Tatjana Zharkikh und ihre Kollegin Natalja Jasinezkaja fuhren nach Kiew,  um Erkundigungen über die Situation in der Sperrzone einzuholen. Dort zogen sie dabei zahlreiche Genforscher und Radiologen zu Rate. Letztlich empört über das vorgeschlagene Konzept „Fauna”, weil dieses kein Erforschungsziel hatte. Frau Zharkikh arbeitete bis ins letzte Geäst einen neuen Entwurf aus und nahm auch aktiv an diesem Projekt teil. Seit 1998 pendelte sie zwischen Tschernobyl und Askania-Nova und führte siebzehn wissenschaftliche Expeditionen durch. Jede dauerte sieben bis acht Tage. Auf allen Forschungsreisen musste die Wissenschaftlerin tief in den eigenen Beutel greifen, da es keine Finanzierung seitens des Staates gab. Mit dem „Lieblingstransportmittel” wie der Pferdewagen sowie der Militärgeländewagen trotzte sie  allen Gefahren: radioaktiver Strahlung, den Wildschweinen, den Wölfen und den giftigen Insekten.

Tatjana Zharkikh drängte sich mit ihren Gefolgsleuten täglich gut sechzig bis einhundert fünfzig Kilometer durch den Wald, das Gestrüpp, das Geäste und durch die Weglosigkeit der verwilderten Feldern, um nach den Pferden zu schauen, Abgänge und Zugänge zu registrieren und diese Daten dem Zuchtbuch zu melden. „Endlich konnte ich auf freiem Fuße die Przewalski-Pferde beobachten”, spricht Frau Zharkikh und ihre Augen leuchten auf.

Tschernobyl-Sperrzone/Przewalski-Pferde

Tschernobyl-Sperrzone/Przewalski-Pferde

Erst wenn sie wieder in Askania–Nova war, konnte sie über die vielen „lustigen“ Vorfälle in Tschernobyl lachen. Wie sie zum Beispiel einmal an ein ohne Lebenszeichen auf der Erde liegendes Wildschwein gestoßen ist. Wie sie es mit dem Finger berührt hat, um sicherzugehen, dass es tot ist. Worauf das Schwein aufgesprungen ist und in leichtem Trab ins Dickicht geflüchtet, erstaunt über Tapferkeit oder Frechheit des Menschen. „Es war mindestens drei Jahre alt”, bemerkt Tatjana beiläufig.
Ob es keine Strahlung in der Zone gibt? „Die radioaktive Strahlung sah ich persönlich nicht”, antwortet sie plötzlich trocken und knapp. Und ihre Pferde? „Es gibt drei Merkmale gesunder Pferde: äußere Erscheinung, Vermehrung und die Lebensdauer. Wir bemerkten keinen Schaden bei den Pferden, der auf radioaktive Strahlung hat hinweisen können“. Resultate der Forschung veröffentlichte sie in fast allen ukrainisch- und russischsprachigen Pferdezeitschriften.
Am 27 November 2003 schlug ein Anruf aus Tschernobyl wie eine  Bombe: In einem verlassenen Dorf fand man eine Hengstleiche. Links im Brustkorb entdeckte man ein Kugelloch 7mm in Durchmesser. Zharkikh fuhr unverzüglich nach Tschernobyl. Durch Nachzählungen konnte man feststellen: Der Hengst „Wostorg” mit internationaler Registriernummer 3631 fehlte. Desweiteren standen auf der traurigen Liste: „Woron 3358″, „Wega 3648″, „Tajga 3832″, „Tschajka 4368″ und viele andere. Zharkikh alarmierte. Sie nannte das Geschehen beim Namen „Wilddieb!” Unter ihrem Druck schrieb der Direktor des Naturschutzgebiets Askania-Nova Herr Gawrilenko einen offiziellen Brief  an das Ministerium für Umweltschutz und Wasserwirtschaft der Ukraine. Es folgte jedoch keine wirksame Maßnahme seitens einflussreicher Personen und Organisationen. In der Staatsanwaltschaft der Sperrzone ersah man in diesen Fällen kein Verbrechen: „In den Leichen der Tiere fand man keine Kugeln. Das bedeutet: Die Tiere starben ohne menschliches Eingreifen.” „Mit Einschusswunden und ohne Hinterbeine…“, murmelt Zharkikh vor sich hin: „Für sie sind das bloß Pferde”. Sie steigt aus dem Auto aus. Das Fernglas fällt ihr aus der Hand.

Die Przewalski-Pferde in der Tschernobylzone sind kein wissenschaftliches Thema mehr. Die Begegnung mit den Pferden wird immer schwerer. Die Tiere haben die Angst vor den Menschen und um der Gefahr zu entgehen, suchen sie sich in der breiten Zone einen sicheren Ort, fern von uns – von den Menschen.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. An den Menschen, welche die Tiere nicht achten, kann ich nur die alte und immer wieder neue Botschaft richten: “Der Mensch braucht die Natur, aber die Natur braucht den Menschen nicht!” Dies ist aber nur als allgemeine Weisheit zu sehen; bei näherem Hinsehen braucht die vielerorts leider schon zerstörte Natur den Menschen, der sich für sie und die Tierwelt einsetzt. Die Natur braucht bestimmt nicht solche entsetzlichen Schänder, und es ist für eine jede Regierung beschämend, wenn sie nur tatenlos zusieht.
    Warum sind Menschen unfähig, das Grandiose in der Natur zu sehen? Warum töten sie Tiere wie in diesem Falle nur aus Spaß oder Sport? Solche Unwesen sind ein Graus! In Indien glaubt man, so hörte ich mal, dass Menschen, die sich solchen perversen Gelüsten hingeben, in ihrem nächsten Leben kein Glück haben werden…

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