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Kirgistan: “Die Flügel eines Kirgisen ist sein Pferd”

„Wenn Sie Freizeit haben, widmen Sie einen Teil davon ihrem Pferd.“  Kirgisisches Sprichwort

Fotos V.Voronin

Foto V.Voronin

Bevor noch das zarte Morgenlicht auf die verschneiten Spitzen des Tien-Shans fällt und die ersten Sonnenstrahlen den in über 3016 Meter Höhe herrlich gelegenen Song-Kul-See und ein Paar im Halbkreis stehende Filzjurten berühren, sitzen Nomaden bereits im Sattel. Vor geraumer Zeit erwählten die kyrgysischen Hirten die opulenten Wiesen der Hochebene Song-Kul wegen allerhand Gräser für die Schafe, Kühe und Pferde und wegen den bildschönen und unendlich vielen Edelweißblüten, die in Mitteleuropa bereits als besonders gefährdet gelten, für ihre Weiden, die sog. jailoos.
Ebenso wie alle anderen Hirten, verbringt auch der 61jährlicher Kumar den ganzen hellen Tag auf dem Rücken seines Pferdes. Über ein gutes Drittel des Kirgistans  verteilt sich das mehr als 3000 Meter über dem Meerspiegel aufragende Hochgebirge, dessen vielen Wege nur für  Pferde zugänglich sind.
„Von Juli bis September übersommern wir hier mit unseren Herden: Pferden, Kühen und Schafen, und morgen früh ziehen endlich wir vom Song-Kul See in das warme Tal vor Naryn. Dort befindet sich unser Winterhaus und die Stallungen“, sagt Kumar. Nirgends gibt es Zäune und die Herde ziehen scheinbar frei umher. Sobald zwei Herden sich zu vermischen drohen, sind die Hirten mit ihren Pferden zur Stelle. Pferde sind in Kirgistan überall präsent. Man sitzt im Sattel, wo immer es möglich ist. Es scheint, dass kein Hang zum Reiten zu steil ist.

 jailoos Fotos V.Voronin
Kumars Töchter lachen immer noch darüber, wie sie einen deutschen Rücksacktouristen in den Bergen trafen, den sie auf dem Weg zum Song-Kul-See eingeholt haben. „Warum geht man bloß zu Fuß dort, wo man auch durchreiten könnte?“, wundern sich die beiden.
Solange Kumar sattelt, gießt seine Ehefrau weiße Brühe aus einem Henkeleimer in eine Schale ein. Das ist Kumyz, vergorene Stutenmilch, welcher zahlreiche gesundheitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben werden, ein traditionelles kirgisisches Getränk. Europäische Touristen möchten alle Kumyz ein Mal gekostet haben.  „Sie schmeckt halb rauchig, halb säuerlich. Aber selbst die phantastischsten Vorstellungen sind nichts gegen den wirklichen Geschmack von Kumys“, lächelt die Kirgisin.

Foto V. Voronin

Foto V. Voronin

Am frühen Nachmittag waltet ein sonntägliches Treiben über den Hügeln am Song-Kul-See. Die Hirten feiern das Ende der Sommerweidenzeit. Die Luft ist voll von Gerüchen frischer Kuchen und würziger Teemischungen, die sich mit dem scharfen Qualm der Feuerstellen vermischen. Auf allen Wiesen wimmelt es von Menschen und es fällt sofort auf, dass kaum ein Kirgise ohne sein Pferd zum Fest gekommen ist. So sitzen alle, von groß bis klein, im Sattel. Im Mittelpunkt des Hirtenfestes steht das Königsreiterspiel „Kok boru“.

das Spiel Kok boru Foto V. Voronin

das Spiel Kok boru /Foto V. Voronin

Das kommt, wie vieles hier, aus dem Nomadenleben und wegen der starken Emotionalität und unverkennbarer Eigentümlichkeit hat nicht seinesgleichen. Zwei Mannschaften treten auf Pferden gegeneinander an, ein geköpfter, hierzu eigens frisch geschlachteter Ziegenbock dient ihnen als Spielball. „Kok boru“ dauert drei Mal 20 Minuten mit je zehn Minuten Pause.
Kaum zieht ein Spieler allein den mindestens 30 kg schweren Ziegenbockkörper vom Boden auf den Sattel, als hinter ihm schon die ganze „Meute“ her ist und versucht, ihm seine Beute abzujagen. So beginnt ein absolut wildes und auch faszinierendes Schauspiel.
….Pferde stürzten ins Gedränge … und auch mancher Reiter landet härter, als es ihm lieb ist. Die Spieler scheuen sich nicht, einander in den Ziegenbock zu greifen. Oft reißen mehrere Spieler gleichzeitig an den Beinen des toten Tieres. Die Reiter gehen nicht gerade zimperlich mit den sehr strapazierfähigen Pferden um und so sind kleinere Wunden an der Tagesordnung. Ziel ist es, das tote Tier im vollen Galopp ins gegnerische „Tor“ zu versenken. Als Preis bekommt das Team den Ziegenbock zum Verzehr. Mit einem großen geselligen Festessen klingt der aufregende Tag langsam und idyllisch aus.

Foto V. Voronin

Foto V. Voronin

Noch in der Morgendämmerung wird die unendliche Stille der Hochebene Song-Kul durch das betäubende Getrampel, durch das Gebrüll des zur Tränke strebenden Viehs und die lauten Rufen der Reiter schlagartig durchbrochen. Mit einem „U-Tsch“ werden die Tiere von den Hirten zusammengetrieben. „Tschok, tschok“, treiben die Nomaden ihre Pferde rascher vorwärts. Sie jagen geschwind über die Hochebene, und werden ihrem Ruf als geübte Reiter und kühne Meister im Sattel gerecht.

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