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Russland: Das Klappern der Hufe im Herzen von Moskau

Die Bilder von Natalia Kostikova

All die Bilder von Natalia Kostikova

Die Uhr des Spasski-Turms am Kreml schlägt zwölf Mal. Mit dem letzten Uhrenschlag beginnt der Wachaufzug des Präsidenten – Regiments.  Als erstes treten sieben junge stramme Soldaten mit den Staats- und Regimentsflaggen im Gleichschritt vor die Zuschauer. Kurz darauf klappern die zwölf edlen Pferde der Kreml-Eskorte erhebend mit den Hufen, gleich nachher in Viererreihen marschieren wacker genau jene 36 Soldaten auf, deren Schritte die Tontechniker aufnehmen wollten.  Das Militärorchester begleitet die Zeremonie.
Infanteristen liefern den Zuschauern eine perfekt einstudierte Darbietung: Wie geübte Zirkusartisten jonglieren sie mit ihren Gewehren und verblüffen das Publikum mit komplizierten Waffendrill-Choreografien. Als nächstes steht die Kavallerie im Mittelpunkt und gibt ihre Dresseur-Zugnummern zum Besten: „Pferdekarussell“, „die Mühle“ und „das Zöpfchen“ nennen sich die mühsam eintrainierten Kunststücke. Die Pferde laufen simultan im Kreis, bilden Figuren, bewegen sich synchron zu Musik, neigen die Köpfe um die Anwesenden zu begrüßen, gehorchen stets fehlerlos den Reitern bis auf wenige Augenblicke zwischen den Nummern, wenn sie neugierig zu den vielen Gästen linsen. Diese lassen sich immer wieder zum regelrechten Beifallsturm hinreißen, die Stimmung im Publikum befindet sich auf dem Höhepunkt. Der Wachaufzug auf dem Sobornaja Platz dauert 20 Minuten.

 

 

 

 

 

 

 

Das ist eines der eindrucksvollsten  Wachablösungsschauen, die auf die Zeit des Peter des Großen (18. Jahrhundert) zurückzuführen sind. In der ursprünglichen Form existierte die Zeremonie bis 1917, bis sie in den zwanziger Jahren von einer neuen Tradition der Ehrenwache vor dem Lenin-Mausoleum abgelöst wurde. Erst im Herbst 2005 wurde der vernachlässigte Ritus nach vielen Jahrzehnten wieder aufgenommen.

Neben der Bewachung der Kremlobjekte erfüllt das Kreml-Regiment, das sich aus der  Infanteriewache, der Kavallerie-Eskorte und der Militärkapelle  zusammensetzt, repräsentative Aufgaben. Seine Soldaten halten Ehrenwache am Grabmal des unbekannten Soldaten im Alexandergarten, begleiten mit feierlichen Aufmärschen wichtige Staatszeremonien und veranstalten jeden Samstag von April bis Oktober zusammen mit der Kreml-Kavallerie Wachablösungsschauen auf dem Sobornaja Platz, so dass jeder, der sich samstags eine Besucher-Eintrittskarte für den Kreml kauft, die Möglichkeit hat diesem beeindruckendem Schauspiel der russischen Militärtradition beizuwohnen.

„Die Zeremonie selbst ist keineswegs unecht. Ihr liegt tatsächliches Militär-Reglement zugrunde“, pointiert ein Vertreter des russischen Nachrichtendienstes (FSO). Die Teilnehmer der Zeremonie des Wachaufzugs sind in neu gestaltete Uniformen im historisierenden Stil bekleidet. Die meisten Details erinnern an die russische Militäruniform aus 1907-1913, die am Hof des Zaren Nikolaj II. zum Jubiläum des Sieges über Napoleon 1812 kreiert wurde. „Die Infanterietruppe trägt eine Montur, wie sie  das Preobraschenski-Regiment des Zaren trug. Das Regiment, das laut der Hierarchie allen immer voranschritt“, erzählt Vadim Bugaev, der Kommandeur der Kavallerie. Auch in der Zarenkavallerie gab es die Rangordnung –  an der Spitze ritt die Eskorte Seiner Majestät, gefolgt von dem Geleit Ihrer Majestät. „Aus wirtschaftlichen Gründen konnten wir uns leider nicht für die Uniform der Vorreiter, für unsere Kavallerie entscheiden und mussten auf die Montur der Dragoner ausweichen, die stets als Fünfte ritten.“ Eine Uniform der Dragoner kostet 2000$, ein Säbel-1500$, ein Säbel für Offiziere kostet 3000$. Wenn man die feierliche Paradeausrüstung dazurechnet, kommt man auf eine schöne Stange Geld. Die Kavalleristen sind mit echten Gewehren ausgestattet, Bajonett und Seitengewehr sind ebenfalls scharf und einsatzbereit.

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Die Zeremonie, die Uniform, die Waffe, Feierlichkeit usw. ziehen die Einzuberufenden heran und viele von ihnen möchten sich gern in der Kreml- Eskorte wiederfinden. Leider sagt das jedem nicht zu. Höhere Führung stellt strenge Anforderungen an ihre zukünftigen Soldaten. Es wird bei den jungen Männern mindestens Abitur vorausgesetzt. Jeder einzelne Militärdienstleister muss sich in der besten körperlichen Verfassung befinden, auch keine sichtbare Tätowierungen oder Narben haben. Zu alledem dürfen Eltern und Geschwister, soweit vorhanden, keine Vorstrafen haben.
Die Soldaten der Kavallerie bekommen ein spezialles Training; wie lange die Grundschulung dauert hängt von den einzelnen Personen ab. Es kommt auch mal vor, dass sich der „Kavallerist“ das erste Mal in der Kreml-Reitschule in den Sattel setzt. Normalerweise sind die jungen Kavalleristen in drei-vier Monaten soweit  auf dem Sobornaja Platz  auftreten. Doch das klappt eben nicht immer. Es geschah oft, dass sowohl das Pferd als auch der Reiter in Bestform waren und jeder für sich die nötige Leistung erbracht hatte, die Beziehung zwischen den beiden aber alles andere als harmonisch war, so musste es weitere Trainingsstunden geben, bis „das Paar“ in die Öffentlichkeit treten durfte. „Aber auch das ist uns letztlich geglückt“, so Igor Dragunow. Insgesamt dienen in der Kreml-Kavallerie etwa 100 Pferde. Sie tuen ihr Dienst in der Eskorte, die aus dem alten Bestand  des 11-en Kavallerie-Regimentes entsprungen ist. Das „elfte Regiment“ wurde im Jahr 1962 auf den Wunsch des russischen Regisseurs und Schauspielers Sergej Bondartschuck formiert und zwar im Rahmen der Dreharbeiten zum Film „Krieg und Frieden“ nach dem Roman von Leo Tolstoj.

Jedes einzelne Pferd erwies sich schnell als ein echter Profi und nahm seine Arbeit sehr ernst. Es waren meist nur die Menschen, die Verwirrung stifteten und so die Fertigstellung des Films verzögerten. Manchmal sollte der Regisseur einige Szenen auch schon mal dreimal drehen, wenn zum Beispiel die „unverantwortlichen“ Husaren im Film Sturm liefen und zwar mit „Marlboro“-Zigaretten zwischen den Zehnen. Es folgten viele andere Filme, die dem 11-en Kavallerie Regiment Ehre und Ruhm einbrachten: u.a.: „Die Schlacht um Moskau“, „Das Laufen“, „Waterloo…“

Die disziplinierten Vierbeiner stiegen zu gefeierten Kinostars in ihrer Heimat auf. Es hätte für sie nicht besser laufen können, wenn nicht der Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991. Die Kavallerie durchlebte schwere Zeiten, bis das elfte Regiment im Jahr 2002 gänzlich aufgelöst wurde.
Doch plötzlich meldeten sich viele einflussreiche Menschen zu Wort und protestierten gegen die Entlassung des 11-en Regiments.  Herr Seleznjow, der Vorsitzender der Staatsduma der Russischen Föderation (2000-2003), und Nikita Michalkow, einer der bekanntesten russischen Regisseure und Schauspieler,  Oskarträger 1994, bestürmten mit zahlreichen Protestpetitionen den russischen Präsidenten Putin. Für 60 von 450 Tieren fand die Geschichte ein Glückliches Ende. Diese „Glückspilze“ wurden nach detaillierter Prüfung aller notwendigen Kriterien zur Basis der Kreml-Kavallerie-Eskorte.

„Die Untersuchungen und letztlich die Selektion war vonnöten“, Chef der Kavallerie-Eskorte Vadim Bugaev schafft Klarheit, „da nicht alle Pferde der ehemaligen 11-en Regiments für unsere Zwecke geeignet sind.“ Es sind zum Beispiel Don-Pferde oder Budjonny, die für Dreharbeiten unabdingbar sind, sie sind für grandiose Schlachtszenen perfekte Besetzung, stürmisch und temperamentvoll. Nicht aber für feierliche Aufzüge in Kreml. Bei der Zeremonie des Wachaufzugs setzt man die Trakehner oder Russisches Reitpferd Rasse ein, weil die beiden vor allem in Dressur und Vielseitigkeitsport erfolgreich sind und mit 162-165 cm im Widerrist ideal mit den mindestens 180 Zentimeter großen Reitern harmonieren.

Zwölf Pferde, die regelmäßig am Wachaufzug auf dem Sobornaja Platz teilnehmen, tragen deshalb spezielle, in der Schweiz angefertigte „Gummi“-Hufeisen.  „Jede Frau kann den Unterschied zwischen den Hufeisen und „Gummi“-Hufeisen nachempfinden“, schmunzelt der Tierarzt-Expert,  „wenn sie ihre Pfennigabsätze gegen Sportschuhe eintauscht.“ Etwas Ähnliches spüren die Tiere beim Ersetzen der Hufeisen durch „Gummi“-Hufeiesen. Sie rutschen nicht und bilden nötige Amortisation für die Hufen, Verletzungsrisiko wird reduziert.

Die Kavalleristen brauchten viel Fleiß und Geduld für alle möglichen Neueinführungen. Sie möchten  einige Änderungen in der „Pferdeuniform“  vornehmen, zum Beispiel Sonnenmützen für die Tiere anfertigen lassen.  „Es kommt vor, dass sich die Vierbeiner im Sommer 3-4 Stunden lang in der prallen Sonne befinden. Das kann gesundheitliche Schaden nach sich ziehen“, so Chef Kavallerie-Eskort. Insgesamt dienen in der Kreml-Kavallerie etwa 100 Pferde und alle sind Wallache, da für die Kavallerie ausgewählte Hengste kastriert werden. Die Tiere werden regelmäßig von Veterinären untersucht. Allmorgendlich macht der Tierarzt einen Rundgang durch den Stall, setzt eine Tagesration an Futter fest, verschreibt Vitamine und gibt Empfehlungen zur Pferdepflege.  „Unsere Pferde, so wie ganz viele Tiere, mögen gern Möhren und auch Solaranlagen, wohin sie nach dem Training zum Trocknen kommen“, so der Tierarzt. Der Bestand der Pferde in der Kreml-Kavallerie erneuert sich regelmäßig. „Im Jahr kaufen wir fünfzehn neue Pferde“, führt Herr Bugaev weiter. Die Pferde, die grundsätzlich mit 16 Jahren in Rente gehen, werden üblicherweise verkauft. Aber keine Regel ohne Ausnahme. Der Wallach Marsch, Baujahr 1986, ist solche Besonderheit. Er war der Filmstar im ursprünglichen 11. Kavallerie-Regiment noch und hat sich längst den Ruhestand verdient. Marsch gehört zur festen „Kavallerie-Belegschaft“ und die Kavalleristen haben es nicht eilig Abschied zu nehmen.  „Was für ein schönes Pferd, Dontschack!“, schwärmt Wadim Bugaev von seinem alten Freund Marsch. Er wohnt in Vollpension auf dem Gehöft Aljabino, dem Quartier der Kreml-Eskorte.  Hier, 30 Kilometer von Moskau entfernt, leben sämtliche 100 Pferde der Kreml-Kavallerie.

 

In dem Dorf namens Putilkowo befindet sich die Kreml-Elitereitschule, deren Leitung sich zwei Ziele setzt:  Ausbildung der Kavalleristen für die Kreml-Kavallerie (für erste Abteilung) und Ausbildung der Sportler und der Pferde für Turniere (für zweite Abteilung).

Hier, in der Kreml-Reitschule,  geben staatlich geprüfte Trainer Reitunterricht auch für Kinder von 6 bis 12 Jahren. Die potenziellen Nachwuchs-Kavalleristen der Kreml-Reitschule nehmen an der Zeremonie des Wachaufzugs auf dem Sobornaja Platz teil. Die jungen Kavalleristen überqueren den Platz diagonal, wechseln die Gangarten und voltieren. „Wir haben beschlossen, dass die Kinder keine komplizierten Dressurfiguren reiten werden, nur solche, die beim Publikum ein wenig Eindruck schinden“, sagt Katerina. Jeder Schüler der Eliteschule hat einen eigenen Traum: der eine möchte Kavallerist der Eskorte werden, ein anderer Weltmeister im Reiten. Aber eines ihrer kühnsten Träume ist bereits in Erfüllung gegangen – zusammen mit der Kreml-Eskorte unter dem Trommelwirbel  vor zahlreichen Zuschauern im Herzen von Moskau reiten. Auf einer Stufe mit den Erwachsenen und fast auf einer Augenhöhe.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

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