Suche
  • Internationale Gesellschaft zum Schutz und Erhalt der seltenen und gefährdeten Pferderassen
  • info@pferde-der-erde.com
Suche Menü

Frankreich: Die kleine Französin mit dem Herzen des Herkules


Laurence Bougault..
Die bevorstehende Tour „Amazone des Friedens“ wurde 2009 heftig diskutiert: Könnten zwei kleine, zierliche Damen alleine eine Strecke von circa siebentausend Kilometern bewältigen? Im Grunde genommen zweifelten die Franzosen an der Reiterin nicht. Auf Laurences Mitreisende blickte man doch in Iran eher skeptisch. „Vieles spricht dafür, dass die Stute Almila, wie alle turkmenischen Pferde, perfekt für kurze Strecken einsetzbar ist.  Für die ungefähr siebentausend Kilometer lange Distanz ist sie kaum geeignet.“ Trotz allem schenkte Madam Bougault, selbst Züchterin der Achal-Teckiner, den turkmenischen Pferden, so bezeichnet man die Achal-Teckiner in Iran immer noch, Vertrauen.
Alle Bilder: Laurence Bougault

Madame Bougault – Dozentin, Distanzreiterin, Leseratte und Schriftstellerin – sitzt seit Kindsbeinen an im Sattel und hat drei Leidenschaften: Pferde, fremde Kulturen und Natur. Vor den Reisen auf den Pferderücken machte die junge Frau einige Ausflüge auf Maultieren und Kamelen: im Senegal, in Tunesien und Ägypten. Seit 1997 erkundet sie hoch zu Ross die abwechslungsreichsten Terrains und erfreut sich an der fantastischen Natur in den verschiedensten Ecken der Welt: in den Alpen, in Großbritannien sowie in der Mongolei. Der Wissenshunger und das Fernweh führten Laurence Bougault zu der 3300 Kilometer langen Solo-Tour in Süd-Ost-Afrika.

 Laurence Bougault

Laurence Bougault

Das Reisen mit dem Pferd gibt ihr die Möglichkeit, die Natur mit Ruhe zu genießen und einen Einblick in das Leben der Menschen zu bekommen, und auch die einzigartige Gelegenheit, die Welt der Pferde zu entdecken. Solange der Mensch und das Tier reisen, entsteht eine enge und vertraute Kameradschaft zwischen ihnen. Der Reiter wird sowohl zum Anführer und Trainer als auch zum Hufschmied, zum Tierarzt und Sattler. „Auch zum Jockey und Züchter und sogar zum Landwirt“, sagt die Besitzerin des Gestüts „Brocéliande“, das im Herzen des sagenhaften Waldes in der Bretagne liegt.
Im Oktober 2007 las Madame Bougault im Internet von einem Pferdefestival in der iranischen Stadt Isfahan. Und kurz entschlossen flog sie nach Iran. Wissbegierig durch das Festivalgelände umherschlendernd, stieß sie an eine in einer traditionellen Filzdecke eingemummte turkmenische Stute. Glänzend, wie eine Silberstatuette stand vor ihr eine der besten Achal-Teckiner-Stuten in Iran, die hochbeinige, schlanke Almila. Ihren edlen hoch aufgerichteten Kopf zierten große mandelförmige Augen, mit denen sie Laurence sehr aufmerksam und neugierig beobachtete. „Die dreijährige Almila schien mir sofort die Richtige für die lange Reise von der Wiege der Achal-Teckiner, die sich nahe der iranisch-turkmenischen Grenze[1] befand, bis nach Paris zu sein“, sagt Madame Bougault und ein Lächeln huscht über ihre Lippen. Wenn sie lächelt, wirkt sie wie ein Kind. Mit der Schirmmütze, unter der Laurence das mittelbraune Haar trägt, wirkt sie dabei ziemlich verschmitzt. Macht sie ein ernstes Gesicht, verraten die gewählte Ausdrucksweise und aufrechte Haltung die ehemalige Studentin der Sorbonne und die strenge Dozentin an der Uni.

Laurence Bougault

Laurence Bougault


[1] Am Ende des 19. Jahrhunderts und in den 20er Jahren des XX. Jahrhunderts zogen Tausende Turkmenen mit ihrem ganzen Hab und Gut aus der Oase Achal nach Iran, in die nördliche iranische Provinz Golestan.
Jedes Mal beginnt die Distanzreiterin lange vor der Reise ernsthaft zu trainieren. „Ich wollte genau wissen, was ich noch verbessern müsste“, erklärt Laurence. „Eine Niederlage würde keine Hoffnung auf den großen afrikanischen Kontinent bedeuten.“
Auch vor dem Ritt Isfahan–Paris 2009 absolvierte sie ein Siebentagetraining bei einer turkmenischen Familie in der Oase Achal in Turkmenistan.
Madame Bougault wollte unbedingt, dass gerade die turkmenische Stute durch ihre Reise „Amazone des Friedens“ 2009 eine symbolische Brücke zwischen den großen Kulturen schlägt: der Kultur des Mittleren Ostens und der westlichen Kultur griechisch-römischen Ursprungs. Die Pferdeliebhaberin hatte auch vor, den Geschwindigkeitsrekord[1] des Russen Dmitrij Peschkow zu schlagen. Damit wollte sie das große Potential und die einmaligen Qualitäten der Achal-Teckiner unter Beweis stellen.

IsharPashapalace

IsharPashapalace/ Bilder: L. Bougault

Madame Bougault und Almila starteten am 2. April 2009 in der zentraliranischen Stadt Isfahan. Da es bei der Tour Isfahan–Paris zu allererst um die Geschwindigkeit ging, hatte Lauernce eine minimale Unterstützung: ein Begleitfahrzeug mit einem Fahrer. Aller Anfang ist schwer. Dieser war keine Ausnahme. Almila hatte untätig zwei Jahre in der Box verbracht und war nicht gerade in idealer Form für eine so lange Strecke. Der Reiterin blieb nichts anderes übrig, als das Pferd während der Reise zu trainieren. Sieben Tage später, als sie schon 230 Kilometer zurückgelegt hatten, war die glückliche Laurence endgültig überzeugt, dass ihre Lieblingsstute für lange Distanzen geboren wurde.
Beim Füttern des Pferdes hielt die Französin sich an das Prinzip ihres persönlichen Rivalen Peschkow: Gerste und Luzerne nach Herzenslust. Das ließ sich nicht besonders schwer verwirklichen. In jedem Dorf, durch welches das Team ritt, begrüßten sie Bauern herzlich, luden zu einer Tasse Tee ein, spendierten ihr das Brot und der Stute frische Luzerne. Allerdings kann man kaum sagen, dass die Reise völlig unproblematisch verlief.

 Laurence Bougault

Laurence Bougault

„Niemand weiß die Gefahr, die auf einen einsamen Reiter warten könnte.“ So schien die erste Nacht an der türkischen Grenze im Camping Murat sehr ruhig und friedlich. Frühmorgens stand Madame Bougault unter Schock, nachdem sie einen Schnitt am rechten Oberschenkel der Stute entdeckt hatte. Die Wunde war etwa fünf Zentimeter tief und breit. „Ich war“, stößt Laurence hervor, „wirklich wütend. Einige Tage lang konnten wir uns nicht mehr als 45 Kilometer pro Tag fortbewegen.“


[1] „Bis heute hält Dmitrij Peschkow mit seinem Pferd Serko den eingetragenen Rekord mit einer Strecke von 8838 km von Blagovechtchenks nach St. Petersburg, zurückgelegt in 193 Tagen, was einen Durchschnitt von 45,8 km am Tag bedeutet.“

Almilia

Almila

Eines Tages  – beide Damen waren schon ganz erschöpft und trabten entlang einer engen Chaussee mit dichtem Verkehr – stürzte sich die Stute Hals über Kopf auf die Fahrbahn. „Wir sind auf der anderen Seite zwischen scharfen Steinen und zehn Zentimeter vor einem Stacheldraht gelandet. Es waren Todesängste, die bei der Reise auf eigene Kappe erlitten wurden“, so Madame Bougault. Glücklicherweise heilte Almilas Wunde schnell und gut, sie lahmte danach nicht einmal.
Trotz der zahlreichen Reisen erträgt Madame Bougault immer noch die Wetterwechsel sehr schwer. Während sie Iran durchreiste, sank die Temperatur in der Nacht auf null Grad Celsius – häufig mit Wind und mit kaltem Regen, der allmählich in Schnee überging. Der Französin gelang es nicht immer, selbst beim schlimmsten Unwetter einen Platz zum Nächtigen zu finden. Sie baute sich ein Zelt auf, bedeckte Almila mit turkmenischer Pferdekleidung und sie übernachteten draußen.

In Griechenland und Italien war es gerade umgekehrt, schon am frühen Morgen fühlte sie sich durch eine große Menge von Mücken wie gerädert. Dabei stieg tagsüber die Temperatur auf unerträgliche 42 Grad im Schatten. „In meinem Kopf war nur ein Gedanke, einen Baum zu finden und darunter sitzen zu bleiben, bis die Hitze vorüber ist.“ Es war sogar vergeblich, in den Bergen ein Versteck vor Hitze zu suchen. Irgendwann dachte die tapfere Reiterin, diese Länder ohne fremde Hilfe nicht mehr lebendig verlassen zu können.

Grichenland

Grichenland

Sie konnte kaum die Tränen unterdrücken, als die italienisch-französische Grenze endlich überschritten worden war. Madame Bougault und die turkmenische Stute Almila  haben eine Entfernung von 6504,2 Kilometern durch Iran, Türkei, Griechenland, Italien und Frankreich in 164 Tagen mit der Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,7 k/h zurückgelegt. „Und auch wenn wir den Rekord von Peschkow nicht schlagen konnten, so gab es dazu nüchtern betrachtet entscheidende und unverkennbare Gründe“, rundet Laurence die Reisegeschichte ab.

Laurence Bougault

Laurence Bougault

„Seit der Reise Isfahan–Paris ist schon viel Zeit vergangen“, sagt Laurence nachdenklich werdend. Aber bis jetzt vermisst sie Almila, die nach der Reise an einen Deutschen verkauft worden ist. „Momentan habe ich den Traum: Meine Almila zurückzukaufen und nach Samarkand zu reisen.“ Für beides hat sie jedoch kein Geld. „Könnte ich ein kleines Honorar für die Bilder von Cavallo kriegen?!“, lächelt Madame Bougault verschmitzt.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.