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Krepysch – das legendäre Pferd Russlands

All die Bilder aus dem Archiv “Konevodstvo und Sport”   Krepysch, Orlov-Traber.

Wir drehen das Rad der Geschichte um 100 Jahre zurück. Das Moskauer Hippodrom zu Beginn des XX. Jahrhunderts. Das Läuten einer massiven Bronzeglocke eröffnet das Rennen. Krepysch, der König unter den Orlov-Trabern, betritt die Rennbahn in Begleitung von zwei bewaffneten Tscherkessen, zwei Pferdewärtern. Das weitere Gefolge besteht aus seinen Jockey und seinem Besitzer, der zugleich sein Trainer ist – Michail Schapschal.

Krepysch (aus russ. der Kräftige,  1904) ist ein Apfelschimmel mit einem edlen Kopf auf einem hochangesetzten Schwanenhals und einem weißen langen, dichten Schweif. Das Pferd zeichnete sich nicht gerade durch ein makelloses Exterieur aus. Deswegen war es nicht einfach einen Käufer für Krepysch zu finden. Michail Schapschal, der Besitzer eines kleinen Preispferdestalls und ein Kenner der Orlov-Traber, erkannte schnell das Potential des dreijährigen grauen Riesen – er hatte 173 cm im Widerrist –  und erwarb ihn 1907 für 5500 Rubel.

Um das Pferd in Top-Form zu bringen machte Herr Schapschal anfangs Heilschlammumschläge „majnakska“ von der Krim auf die Beine des Hengstes. „Der Schlamm trug man auf die Pferdebeine messerdick auf und ließ ihn unter einer erwärmenden Kompresse sechs Stunden wirken“, schrieb Herr Schapschal im Buch „Das Pferd des Jahrhunderts“ nieder. „Den getrockneten Schlamm wischte man mit Salzwasser von der Krimküste ab. Nach zwei Stunden wurde die Behandlung mit Schlamm wiederholt.“ Bei einer weiteren Untersuchung des Hengstes fiel auf, dass eine Hälfte des rechten Vorderhufes hohl war. Um dadurch bedingtes Hinken zu vermeiden, musste der Veterinär nach jedem Rennen den Huf mit fettigem und elastischem Lehsm „Kil“ unterpolstern. Zudem wurden die Sehnen des Hengstes jede Nacht mit Novokulin massiert. Die Ergebnisse der Bemühungen waren erstaunlich und sprachen für sich. Krepysch entwickelte sich zum König der Orlov-Traber, kam nach einer langen Reihe unvergesslicher Siege mit seinen wertvollen Beinen im Zuchtgestüt an. Pro Tag bekam der Hengst 6 kg Hafer, 8 kg Heu und fünf mit Hafer vermischte Eier. Am Abend bekam der graue Riese Äpfel, die liebevoll vom Kerngehäuse befreit, geschält und in mundgerechte Stückchen geschnitten waren. Eigens für Krepysch wurde das saftige, wohlriechende und grüne Heu von der Insel Esel gebracht. „Der Rekordhalter fraß immer alles bis auf den letzten Grashalm auf. Es wirkte Wunder bei seiner Verdauung“, erzählte Herr Schapschal später. Krepysch trank, soweit irgend möglich, aus einer und derselben Wasserquelle. Zeitgenossen  behaupteten, dass  sein Fell wie eingeölt geglänzt habe. Der Hengst sah immer munter und kraftvoll aus und strotzte nur so vor Gesundheit.

Die ersten Rennen blieben zur Enttäuschung des tüchtigen Besitzers ohne Erfolg. „Ein Kollege, Herr Balaschow, war so über die Misserfolge von Krepysch amüsiert, dass er mir eine riesengroße Windlaterne zukommen ließ mit einer Aufschrift, die in etwa die Botschaft hatte: Augen auf beim Nächsten kauf eines Pferdes.“  Diesen Spott ließ „der graue Riese“ nicht lange auf sich sitzen und entwickelte sich sehr rasch zu einem ernsten Rivalen im Pferdesport. Immer häufiger ging er als Sieger aus den Rennen. Als Krepysch 1908 schließlich den bestehenden Orlov-Traber-Rekord mit einer immensen Zeitverbesserung brach, war sein Name in aller Munde.  Sein Trab war einzigartig: hoch, elegant; die Breite des Schwungs und die Leistungsfähigkeit erreichten nie dagewesene Qualität. Im Trab mit Sulky lief er leicht, fließend und auffallend harmonisch. Im Laufe seiner Sportkarriere trat Krepysch gegen die Besten an, die die russischen und amerikanischen Traber-Rassen zu bieten hatten.

Herr Schapschal versicherte, dass trotz der anspruchsvollen Rennen und der häufigen Reisen von Moskau nach St. Petersburg und zurück Krepysch munter, frisch und gesund bleibe. „Der Sieg im russischen Traberderby auf der Distanz von 3200 Metern (4.31,1) demonstrierte anschaulich, dass Krepysch auch auf Langstrecken beste Leistung erbrachte.“  Der Triumphzug des grauen Riesen ließ sowohl den Metis- als auch den Orlov-Traber-Anhängern keine Ruhe mehr. Die Letzten gaben endgültig die Hoffnung auf, je wieder ein Rennen zu machen.

Traberrennen

Der Erfolg war dem Jockey von Krepysch, Jakowlew, zum Kopf gestiegen. Herr Jakowlew verlor mit der Zeit die notwendige Ernsthaftigkeit. Er trat die Rennen an, ohne das Pferd genügend vorzubereiten. Und bereits 17. Januar 1910 zog Krepysch gegen die Metis-Stute Newsgoda den Kürzeren. Sie kämpfte sich aus aller Kraft zu der Zielgeraden durch und zog auf den letzten Metern an Krepysch, der keinen Endspurt machte, vorbei und gewann so das Rennen.

Die Niederlage des mittlerweile berühmten und gefeierten Hengstes schmerzte nicht nur, sondern erregte auch viel Aufsehen. Das darauffolgende Rennen war so überlaufen, das die Kapazitäten lange nicht reichten, um alle Zuschauer unterzubringen. Die Pferdebesitzer schöpften neue Hoffnung und gingen mit ihren erstklassigen Russischen Trabern mit wiedererweckter Zuversicht an den Start.  Unter ihnen befand sich die starke Metis-Stute Slabost (aus russ. die Schwäche) mit William Kejton. Slabost machte sich im Training so gut, dass man ihr ohne Zögern den Sieg vorhersagte. Herr Schapschal schien der einzige zu sein, der an seinen Krepysch noch glaubte und zwar so sehr, dass er eine Pferdedecke für Krepysch anfertigen ließ, mit dem Sprichwort: „Wer zuletzt lacht, lacht am besten“. Der König der Orlov-Traber konnte die Erwartungen seines treuen Besitzers tatsächlich erfüllen und setzte sich gegen Slabost durch. Er stellte unter endlosem Gejubel und ohrenbetäubendem Beifall der Zuschauer den Winterrekord (4.33,2) auf. „Das war ein hochkarätiges Rennen, welches den Streit zwischen den Anhängern und den Gegnern der Metis-Traber aus das Schärfste verstärkte “, berichteten die Zeitgenossen.

Fast drei Jahre hielt die Rivalität zwischen Krepysch und einer neuen besten   Metis-Stute „Prosti“ ganz Russland in ihrem Bann. Die Wettrennen der beiden Vorzeigetraber waren atemberaubend. „Ich hatte mehrmals das Vergnügen die beiden Rekordhalter in Aktion zu sehen“, schrieb der Rennreiter Zotow.  „ Noch heute sehe ich sie vor mir: die braune Prosti und den grauen Schönling Krepysch. Ihr harmonischer exakter Trab versetzte jeden in Staunen.“

Der königliche Krepysch konnte eine phänomenale Geschwindigkeit erreichen und verfügte über die Klasse, der kein Pferd vor ihm in Russland gewachsen war. Sein Weltrekord (2.08,5) auf dem Eis konnte erst 22 Jahre später geschlagen werden. Als der Sechsjährige 1910 eine 1600 m Strecke mit einem neuen Rekord mit 2.08,5 für Russland lief, wurde er zum „Pferd des Jahrhunderts“ erklärt. Sein Name war aus den Sportzeitschriften nicht mehr wegzudenken, sein Training und alle Rennen, an denen er teilnahm wurden detailliert besprochen und analysiert.

Der berühmte Hengst der Rasse Orlov-Traber ging insgesamt 79 Mal in Trabrennen an den Start, wobei er 55 Mal als Sieger in den Stall zurückkehrte. Er stellte 13 Rekorde auf den damals existierenden Distanzen auf. Das packende internationale Rennen am 12. Februar 1912 war und bleibt eines der denkwürdigsten und gleichzeitig umstrittensten Rennen für die Geschichte der Orlov-Traber. An diesem Tag sollte sich Krepysch zum ersten Mal mit den reinrassigen starken Amerikanischen Trabern Bob Duglas und General-Ejtsch messen.

An den Start des Internationalen Preises gingen zwei Amerikanische -, fünf Russische Traber und Krepysch. 1013 von 2206 Wetteinsätzen wurden auf Krepysch gesetzt. Der imponierende siegreiche General-Ejtsch, der einzige ernstzunehmende Gegner für Krepysch, sollte von Frank Kejton, dem Vater William Kejton gefahren werden. Der Interessenkonflikt sorgte für noch mehr Anspannung. „Das Schicksal des Internationalen Preises und der Orlov-Traberrasse befand sich offenbar in den Händen Kejtons“, schrieben damals russische Tagesblätter. William Kejton steckte in einer Zwickmühle und schlug Herrn Schapschal vor, einen anderen russischen Jockey ins Sulky zu setzen. Der Besitzer von Krepysch lehnte jedoch ab. Die Beweggründe dafür blieben unbekannt.

Gleich nach dem Startkommando ging es mit voller Wucht los. General-Ejtsch schoss unter der Führung von Frank Kejton an den anderen vorbei und eroberte schnell die Spitzenposition, dicht gefolgt von Krepysch. Beide Favoriten legten ein höllisch schnelles Tempo vor. Kurz hinter ihnen erkämpfte sich Bob Duglas die dritte Position. Der Metis Milord disqualifizierte sich bereits kurz nach dem Startsignal, weil er aus dem Trab rauskam. Zentrion, Nal, Chabara und Marka  konnten das Tempo der führenden Drei nicht mithalten und fielen weit zurück. Bon Duglas hatte mehr als ¾ der Strecke hinter sich gelassen, als er dann plötzlich in Galopp verfiel und die Rennbahn verlassen musste. General-Ejtsch führte immer noch. Krepysch versuchte ihn überholen, aber er konnte nur dem Führer gleichstellen. Auf den letzten Metern baute  Frank Kejton den Vorsprung wieder aus, pilotierte General-Ejtsch sicher durch das Ziel und holte sich den verdienten Sieg.  Krepysch „kam durch das Ziel mit heruntergelassenen Zügeln“. Dieses Mal gab es keinen Applaus.

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