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Rumänien: Wilde Pferde des Donaudeltas

Der erste Gedanke, der mir in den Sinn kam, als ich von dem Pferdefleisch-Skandal hörte, war: Es kann nicht wieder um leidgeprüfte Pferde aus Rumänien gehen! Die freiheitsliebenden wilden Huzule-Pferde Rumäniens sind mir noch im Jahr 2010 ans Herz gewachsen. Damals, im Zusammenhang mit dem Skandal von den wilden Pferden im Donaudelta, verbrachte ich bei den Tieren im Naturreservat Letea-Wald vier Tage.  Artikel über das tragische Schicksal der Pferde des Donaudeltas wurde im “Pferdebörse”-Heft 01/2011 und im “Cavallo” 08/2011 veröffentlicht.

Wilde Pferde Donaudelta

 

Ein NAVROM-Schiff brachte uns auf dem Sulina-Arm von Tulcea nach Sulina. Das Ziel unserer Crew war ein kleines rumänisches Dorf namens Letea im Naturreservat Letea-Wald. Überall, wohin man schaut, gestalteten die weidenden Pferde und Kühe aktiv das Aussehen der Landschaft mit. Die riesigen Seerosenfelder und die größten in Europa Schilfrohr-Flächen zusammen mit extremen Trockenbiotopen auf den Dünen machen das Donaudelta zu einer ökologischen Wunderwelt und zu einem Paradies für rund 300 Vogel-, 45 Fisch- und 1150 Pflanzenarten. Noch vor gar nicht so langer Zeit war das Delta ein Paradies auch für wilde rumänische Pferde.

Wilde Pferde Donau Delta

Als Kolchosen nach der Revolution gänzlich zerfallen waren, führten Dorfbewohner einige Pferde zum eigenen Hof, die übrigen ließen sie auf den nah gelegenen Wiesen des Deltas frei. Die Einheimischen jagten die Pferde und für 20 Euro als Schlachttier an zwei gesetzliche Firmen verkauften, über die die Pferde als italienische Salami endeten. Damit war erst durch den Ausbruch der Tierseuche Infektiöse Anämie im Jahr 2004 Schluss. In der Folge vermehrten sich die Tiere rasant. Heute gibt es etwa 10 000 wildlebende Pferde im Donaudelta, 2 000 von ihnen im Letea-Reservat. Die Herden zerstörten den einzigartigen Letea-Wald im Donaudelta, der mit seinen Lianen, Eichen und Birken als nördlichster tropischer Urwald Europas gilt, und wurden langsam zu einer ernsthaften Bedrohung für das natürliche Gleichgewicht im Delta. Die Umweltschützer lösten schließlich Alarm aus. Ende Mai 2010 traf die rumänische Regierung eine harte Entscheidung: den gesamten Bestand der Mustangs auszurotten.

Letea – das streng bewachte Naturreservat Letea – wird bewohnt von Falken, Eulen, Schwarzflügel-Reihern, Säbelschnäblern und Rotkammwildenten, Weißschwanzadlern und Wildkatzen. Hier sind Schildkröten, Eidechsen und etwa 1600 Insektenarten vorzufinden. Der Wald, die Dünen und das Röhricht geben etwa 1500 wilden und halbwilden Pferden ein Zuhause.  Mitten in der Sanddüne liegt ein kleines Dorf namens Letea. Es ist ein typisches Fischerdorf mit liebevoll gestalteten Häuschen, die durch Schilfdächer zuverlässig gegen Unwetter geschützt sind. Das 400 Jahre alte Dorf, in dem die Zeit förmlich stehen geblieben zu sein scheint, zählt etwa 2000 Einwohner. Sand soweit das Auge reicht, trotzdem in den Garten wachsen verschiedenste Gemüse- und Obstsorten: Tomaten, Paprika, Kohl, Kartoffeln, Trauben und viele Blumen. Im September findet man auf jedem Hof in voller Blüte stehende große prächtige weiße Büsche.

Wilde Pferde Donau Delta

 

Außer den Blumen sprangen uns die unzähligen Pferde im Dorf ins Auge. Pferde sind hier das Hauptpersonen- und Materialbeförderungsmittel. Sie prägen das Bild des Dorfes und sind im Alltag unentbehrlich. Die Tiere standen überall auf den Grundstücken neben den Zauntüren, im Dorf und Umgebung. Durch das selbstgebastelte angelegte billige Geschirr mit schwerem Kopfstück mit  harten Knoten sind die Pferde oft wund gescheuert. Am Hals hängt eine Metallkette mit einem Gewicht dran, dessen Zweckbestimmung uns niemand verraten konnte. Die Tiere werden aber dadurch gehindert den Kopf zu heben. Mit den Metallfesseln an den Vorderbeinen können sie kaum einen Schritt gehen. Medizinische Versorgung und Hufbeschlag sind hier Fremdwörter.

Die Dorfbewohner beziehen Lebensmittel aus eigenen Gemüsegärten; um Milch- und Fleischprodukte herzustellen, fangen sie Kühe und Pferde im Schutzgebiet. Dank der Angellizenz dürfen die Menschen in den Letea-Kanälen vier Kilo Fisch pro Tag fischen – was jedoch niemand kontrolliert.

Wilde Pferde Donau Delta

 

Ziemlich schnell stellte sich heraus, dass es für uns keine Schwierigkeiten bereiten würde, rumänische Mustangs aufzuspüren. Die Einheimischen standen uns mit Jeep, Boot, Traktor und mit ein paar Gummistiefeln  zur Seite. Die ersten Pferde erblickten wir bereits wenige Kilometer jenseits des Dorfes. Ich stellte später fest, dass nur Hauspferde in der Nähe des Dorfes grasen. Die Tiere schüchterten das Auto  gar nicht ein. Die meisten wurden von den Menschen im Wald eingefangen – ob für eigenen Haushalt oder zum Verkauf. Einige Dorfbewohner machen klein Geschäft: die wilden Pferden zu verkaufen. Ein gesundes Tier kostet 200 Leu, was etwa 45 Euro entspricht. Wenn das Hauspferd alt oder krank wird, lässt man es im Delta frei und fängt ein neues. Somit sind Tierärzte hier überflüssig.

Erst drei Stunden später bekamen wir die ersten wilden Pferde zu sehen. Wunderschöne Braune, golden schimmernd bis braunschwarz, grasten sie ruhig am Gebüsch und wedelten mit ihren braungelben Schweifen, ihre seidig-glatten Mähnen glänzten in der Sonne. Sobald sie den Lärm unseres Autos vernahmen, spitzten sie die Ohren und drehten sich geschwind um. Wir versuchten an die Tiere heranzukommen. Die Mustangs bemerkten unseren Annäherungsversuch und setzten langsam wenige Schritte zurück. Als die Pferde unserer Aufdringlichkeit überdrüssig wurden, verschwanden sie hinter den Büschen.

Erfolglos kehrten wir zum Hotel zurück. Am Nachmittag fuhren wir mit einem Traktor in den weltbekannten Letea-Wald. Zwei Dorfkinder bestanden darauf, uns auf der abenteuerlichen Suche zu begleiten. Uralte Bäume, wie die 700-jährige Eiche, weckten unsere Begeisterung und wurden zu häufigen Fotomotiven der Fahrt. Einmal hielten wir kurz an, um verschiedene Waldbeeren zu kosten. Auf dieser Fahrt fehlte uns das einzige – die wilden Pferde.

Wilde Pferde Donau Delta

Das war der Oktober. Im Herbst halten sich die Pferde in der Nähe der Sümpfe auf. Dort, wo man sie nur mit einem Boot erreichen kann. Wir nahmen das Boot und fuhren durch ein Labyrinth kleiner und großer Kanäle. Wir genossen ungestörte Natur, göttliche Ruhe und seltene Vielfalt der Wasserpflanzen.

Kaum hatten wir wieder festen Boden unter den Füßen, sahen wir auf einem etwa fünfzig Meter breiten Landstreifen eine große Herde. Sie ähnelte einer dunklen Wolke, die sich am Horizont aufhält. Die Pferde standen wie immer sehr ruhig und weit  weg. Unter den Wilden hob sich der Leithengst deutlich hervor. Er war ein imposanter und von vielen Rangkämpfen gezeichneter stolzer Athlet. Er hielt seinen Kopf mit so viel Ehrgefühl und Selbstbewusstsein, als ob er eine Krone tragen würde. Als wir versuchten, näher zu kommen, hob der Hengst den Kopf hoch, spitzte die Ohren und wieherte ohrenbetäubend. Gesamte Herde reagierte sofort auf sein Signal: Sie setzte sich in Bewegung und verschwand im Schilf.

Die galoppierenden Mustangs waren ungewöhnlich grazil und anmutig. Lebenskraft und Freiheit waren in ihren fliegenden rötlichen Mähnen. Der Leithengst bildete das Schlusslicht der fliehenden Gruppe, damit Keiner zurück blieb oder verloren ging. Eine Leitstute führte die Herde von uns weg. „Sie werden jetzt ungefähr zehn Kilometer hinter sich lassen und die kommenden Tage auch nicht wieder her kommen“, erklärte uns ein Ortsbewohner. „Erst in zwei-drei Wochen kommen sie wieder.“

Den dritten Tag nieselte es. Vielleicht haben wir ja den Regen ins Naturschutzgebiet aus Deutschland mitgebracht. Wieder haben wir uns ins Auto gesetzt, um unzählige Kilometer durch Dünnen auf der Suche nach den wilden Pferden zu fahren.

 Ein Pferd in Rumänien

Als die Hoffnung langsam zu schwinden begann, fielen uns ein Hengst und fünf Stuten mit einem Fohlen auf. Sie fanden unter einem Baum einen Schutz vor Regen. Der große dunkelbraune Hengst stand angespannt mit hocherhobenem Haupt eine kurze Weile still. Der tiefe Graben, der zwischen uns und der Herde lag, schien dem Hengst ausreichende Sicherheit zu geben. Er ließ locker und schloss sich den Stuten an. Das goldfarbene lockige Fohlen mit einem großen weißen Zeichen auf der Stirn lehnte sich gelangweilt an seine Mutter und schielte zu uns rüber. Das Fohlen war neugierig oder suchte bloß nach einem Spielkameraden. Der Kleine machte nur zwei-drei Schritte in unsere Richtung aber sofort kassierte von seiner Mutter einen Stoß. Einige Stunden blieben wir unter Regen bei den Mustangs. Bei den wundervollen Tieren, die sterben sollten. Der Regen wurde immer stärker. Die Pferde schmiegten sich immer näher an einander ran. Das Fohlen hat es aufgegeben, uns kennenlernen zu wollen.

Unsere Reise ging zu Ende. Der Abschied von den Mustangs fiel uns sehr schwer. Das Dorf versank in einer schwarzen Nachtwolke. Man hörte nur ein leises Wiehern eines Rappen mit roter Mähne und gelbrotem Schweif. Das Pferd versteckte sich noch einem Tag zuvor im Sumpf und wiederfand sich heute morgen in einem schrecklichen Pferdegeschirr, mit einem Gewicht am Hals und mit den Ketten auf den Vorderbeinen auf einer Nebenwirtschaft.

Wilde Pferde Donau Delta

Dass die Wildpferde bislang noch leben, ist wohl nur dem Tierschutzverein „Vier Pfoten“ zu verdanken. Im letzten Moment wurden auf dem Weg zum Schlachthof 70 Pferde von „Vier Pfoten“ und von den Pferdefreunden gerettet.

(„Seither ist eine neue Verordnung der rumänischen Veterinärbehörde zum Verbot von Schlachttransporten wilder Pferde in Kraft. „Unsere Nachforschungen werden zeigen, ob die Pferde-Lasagne aus dem Donau Delta kommt oder nicht. Jedenfalls ist das ein Alarmsignal für die zuständigen Behörden, die für die Umsetzung Europäischer Gesetze zuständig sind“, schließt Nikola Furtenbach, Kampagnenleiterin bei VIER PFOTEN.“)

 

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