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Russland: Unbekannte Zabaikalski-Ponys

Bilder: Vladimir Mitin

Bilder: Vladimir Mitin

Zabaikalski-Ponys liegen wegen ihrer schicken Farben und vielfältigen Schattierungen und auch wegen des lockigen Fells heute in Russland im Trend. Aber nur wenige Menschen in Europa entdeckten für sich diese kleinste Pferderasse von Sibirien.

Sandige Gipfel der Hügel leuchten in der Sonne. Der Salzboden mit dem dunklen derben Gras sieht nach einem Meereskräuseln aus. Die Aga-Steppe Transbaikaliens breitet sich über die grenzenlose Weite aus. Im Freien weiden zahlreiche Herden der halbwilden Ponys. Um drei tigerfarbenen Zabaikalski-Ponys zu erwerben, hat Frau Dmitrijewa, erfahrene Zootechnikerin und Inhaberin des ehemaligen staatlichen Pferdehofs, eine Entfernung von 3000 Kilometern durch die sibirische Taiga zurückgelegt. Mit einem 25-jährigen Youngtimer ist sie über acht Tage von Primorje bis zum Tschita-Gestüt in Transbaikalien gefahren. Ihr Mut wurde belohnt. Die Vielzahl der Farben, Schattierungen und Arten der Pferde frappierte sie. Sechs Herden wurden von den Hirten in eine Koppel getrieben, damit die Pferdebesitzerin drei prächtige Zabaikalski-Ponys aussuchen konnte. „Ich war nicht wenig erschrocken, mich zwischen 250 halbwilden Ponys zu  bewegen“, erinnert sich Frau Dmitrijewa. „Aber die Tiere rannten mir nicht Hals über Kopf entgegen, gerade im Gegenteil hielten sie einen Abstand. Wenn ich mich einer Gruppe näherte, gaben mir die Tiere den Raum. Dadurch konnte ich sie in aller Ruhe genau besehen und mir welche aussuchen.“

Bilder: Vladimir Mitin

Bilder: Vladimir Mitin

Frau Dmitrijewa imponierten ebenfalls die trockenen Gliedmaßen der Ponys, die kleinen aber stahlharten Hufe, das ausgezeichnete Exterieur. Wer sich aber über die kleinste Pferderasse in Sibirien mehr erkundigen möchte, wird Dieser mangels umfassender Informationen  ziemlich enttäuscht sein. Über die gelockten Zabaikalski-Ponys gibt es so gut wie nichts. Das liegt am Volksglauben aus der uralten Zeit, das sie eine Zeit lang sehr in Verruf brachte. Vorfahren der heutigen Burjaten meinten, dass die tigerfarbenen Pferde das Unglück bringen sollten. Deshalb ritten sie sie nicht und schlachteten sie zu allererst. Ein ähnliches Schicksal erlitten die gelockten Ponys, die einen beträchtlichen Anteil der Pferderasse bilden, weil sie häufiger als andere kränklich oder lebensunfähig zur Welt kommen. „Das kommt davon, wenn die Züchter eine lockige Stute von einem lockigen Hengst decken lassen“, erläutert Frau Pankowa, die erfahrene Zabaikalskizüchterin. „Dann hat man ein nicht lebensfähiges Fohlen. Ich heiße es „Rex“. Normalerweise überlebt es unser Klima nicht.“

Wie lange es die kleinen (128 bis 140 cm), zähen ansässigen Ponys bereits gibt, lässt sich nicht genau sagen. Vor dem 13. Jahrhundert besiedelten die alten turksprachigen Nomadenvölker – Mongolen, Burjaten, Ewenken – die Gegend direkt am Baikalsee. Die Nomaden züchteten ihre Ponys für das ausgesprochene rauhe kontinentale Klima. Bei der Verrichtung der täglichen Arbeit nahmen die Tiere einen besonderen Platz ein. „Die Zabaikalskirasse, wie auch jede andere Pferderasse, war nicht von Anfang einheitlich im Typ“, führt Frau Pankowa weiter. Bis zur Mitte des XVII. Jahrhunderts konnte niemand einen Unterschied zwischen den Pferden der Burjaten und den Mongolenpferden finden. Anfang des 17. Jahrhunderts erschienen in Transbaikalien die ersten Russen. Händler und Bauern gründeten ihre Winterlager und Städtchen, von denen sich viele später zu Großstädten entwickelten, wie etwa Tschita, die heutige Regionalhauptstadt.   Sie brachten ihre großen Zugpferde aus den zentralen Gouvernements Russlands mit. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts kreuzten sie intensiv ihre Pferde mit den lokalen Ponys, um die einheimische Pferderasse zu verbessern. „Dies betraf sowohl die Quantität als auch die Qualität der lokalen Pferderassen. Bis Anfang der 90er Jahre befanden sich die Zabaikalski-Ponys am Rande des Verschwindens. Nur eine geringe Anzahl blieb in den Tschita- und Aginskis-Regionen übrig“, teilt Frau Pankowa mit. Die 48-jährige Züchterin hat eine Ausstrahlung durch ihre besonders auffallenden schwarzen Augen. Ihr dunkelbraunes langes Haar fließt ungebändigt über die Schulter hinab bis zum Steinbein. Seit 1993 beschäftigt sie sich mit den Zabaikalski-Ponys auf dem Tschita-Gestüt.

 

Der erste Eindruck von den Zabaikalskis? Ein offenes freundliches Lächeln liegt auf ihren Lippen: „Der erste Eindruck zählt“, das funktioniert bei den Pferden vielleicht nicht hundertprozentig. Als ich nach meiner Ausbildung auf das Tschita-Gestüt kam, war ich gegen die kleinen Ponys als Reitpferde oder Kutschpferde misstrauisch.“ Mit der Zeit wurde das Misstrauen von dem Respekt und der Begeisterung über ihre Ausdauer, ihre Unermüdlichkeit unter dem Sattel und ihren tapferen Charakters abgelöst. Was die Zabaikalski-Ponys tatsächlich an Ausdauer zu leisten vermögen, erzählten ihr die sattelfesten Pferdehirten. So überwand der russische Unterführer Dmitrij Peschkow eine Strecke von etwa 9500 Kilometern von Blagoweschtschensk-am-Amur bis nach St. Petersburg in 193 Tagen auf dem Rücken des 13-jährigen Ponys Seryj. Die Reise dauerte vom 7. November 1889 bis zum 19. Mai 1890. Dmitrij Peschkow tat es allein, ohne irgendwelche Hilfe und nur mit dem Pferd. Am heutigen Tag sind Zabaikalski-Ponys auch in der Lage tagsüber mehr als 100 Kilometer mit einer kurzen Erholungsphase für Fütterung und Trinken zurückzulegen. Zwei oder drei Ruhetage und sie können von neuem anfangen. Es passiert bisweilen, dass man die Ponys über die Woche nicht absattelt. Im Mittelalter setzten die Burjaten ein besonders hartes Training für die Verbesserung der  Widerstandskraft und des Gesundheitszustandes der Ponys ein. Im Winter bei minus 40 Grad banden sie das nach der Arbeit nass geschwitzte Tier an eine Stange fest.  Und erst nach zwei bis drei Stunden wurde es laufen gelassen und bekam Futter und Wasser. Das Ausdauertraining des Rennpferdes war noch härter. Man wusch das sehr verschwitzte Pony mit kaltem Wasser und ließ es einige Stunden im Frost stehen. Das aus der grauen Vorzeit stammende Quälerei-Training existiert erfreulicherweise in Transbaikalien nicht mehr.

 

Nach der Auflösung der UdSSR betraf die Arbeitslosigkeit sowie unter- oder nichtbezahlten Arbeiten fast alle Beschäftigungszweige. Die Menschen richteten ihren Blick auf die Ponys, auf ihre lebenswichtigen Eigenschaften als Arbeitspferde und auch als Lebensmittellieferanten. Der Staat ergriff Maßnahmen, um die Zabaikalskizucht ins Leben zurückzurufen. Seit der 90er Jahren ist die Rasse im Kommen. Auf dem Tschita-Gestüt und Aginsk-Gestüt züchtet man die Schecken, Tigerschecken, Isabellfalben, Mausfalben und auch kraushaarigen Ponys: rainrassig und verbessert durch die Kreuzung mit Don-Pferden, Buddjony und Trabern. Heute zählen die Gestüte etwa 900 Zabaikalkis, unter ihnen über 300 gekräuselte Köpfe.

 

Beim Verkaufen der reinrassigen Zabaikalski-Ponys empfiehlt Frau Pankowa, die Ponys Tag und Nacht draußen zu halten. „Als Ausnahme könnte ein Schutzdach sein“, so Tatjana. In Transbaikalien leben die Ponys frei im Herdverband und man zählt sie zu den halbwildlebenden Pferden. Wenn sie neben dem Dienst als Nutztier auch zu Pferderennen eingesetzt werden, werden sie zum Reiten eingefangen und ausgebildet. Während des Ritts erreichen sie die hohe Geschwindigkeit. Bei jährlichen Rennen legen Ponys die Strecke von 1000 Metern im vollen Galopp in 70 Sekunden zurück. Ihr Galopp ist gleichmäßig, leicht aber klein. „Wenn ein Zabaikalski-Pony jedoch eine lange Zeit nicht unterm Sattel war, ist es launenhaft und sträubt sich dagegen mehr als andere Pferderassen. Dann ist es ein tolles Freizeitpferd und absolut verlässlicher Partner“, berichtet Vladimir Mitin, der Inhaber des Paraling-Campings und der gelockten Ponys im Altai. Seit 1999 tummeln sich die Zabaikalski-Ponys auf der Koppel des Campings „Biberjagdhaus“. Ausgezeichnetes Flugwetter herrscht hier leider nicht immer. Zudem stellte es sich heraus, dass viele Menschen mit Kindern sogar bei gutem Wetter nicht nur die zauberhafte Gegend  von oben sehen wollen, sondern auch auf dem Rücken eines Ponys in eine unverfälschte Natur eintauchen möchten. Die für Altai seltenen Ponys  mit dem dicken, gekräuselten Fell locken Scharen von Neugierigen und Interessierten. Die Kleinen selbst sind gar nicht schüchtern, beäugen die Besucher neugierig und schnuppern an ihren Sachen. Herr Mitin hat kein Problem mit dem Futtern, weil die Ponys nicht wählerisch beim Essen sind. Sie grasen unter dem freien Himmel, obwohl es auf der Koppel immer genug Hafer gibt. Bei Unwetter verstecken sie sich gerne unter einem Schutzdach. „Dazu möchte ich übrigens sagen, dass sich das Persianerfell der Ponys leicht putzen lässt!“, lacht Vladimir. Die zahlreichen Verwandten der Ehefrau von Herrn Mitin, die allergisch auf Pferde reagierten, mieden einige Zeit die Ponys. Ihre Kinder konnten jedoch nicht der Verlockung standhalten, die Ponys zu streicheln und zärtlich zu behandeln. Und sie  wurden dafür belohnt: Bereits beim ersten Versuch reagierten sie auf die Haare der Zabaikalskis gar nicht oder kaum allergisch. Manche Erwachsene reagierten beim ersten Kontakt relativ stark, später ließ sich aber die Überempfindlichkeit nach. „Wenn ich mit der Hand über das glatte oder lockige Haar der Tiere fahre, werden meine Finger fettig. Die Forscher aus Deutschland vermuten, dass dank dieser dicken Schicht des Talges die Allergene nicht so gut zur Oberfläche durchdringen können“, so Herr Mitin. Einige Züchter versichern, dass Zabaikalski-Ponys nach Schafwolle oder Lammwolle riechen. „Ich habe an ihnen geschnüffelt“, schmunzelt Vladimir. „Nein, meine riechen wie normale Pferde.“

 

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Guten Tag,
    Ihre Pferde sind großartig. Ich besitze einige der nordamerikanischen Curly Horses, die sehen soooo ähnlich aus. Unsere Pferde sind im Sommer eher glatthaarig und werden nur zum Winter hin gelockt. Wir wären sehr an einer DNA Probe interessiert (ca. 50 ausgerupften Mähnenhaare mit Haarfolikeln) um eine Verwandschaft zu untersuchen. Ich würde mich freuen, wenn Sie auch daran Interesse hätten!
    Herzliche Grüße
    Care Schumann

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    • Guten Tag, vielen Dank für Ihre Anfrage. Ich bin aber nur die Pferdejournalistin und keine Züchterin der Zabaikalski-Pferde. Ich schicke gerne Ihre Anfrage an Tatjana Pankowa – die Zabaikalski-Züchterin des Tschita-Gestüts in Transbaikaliensowie Sie können auch selbst mit ihr kontaktieren: ihre E-Mailadresse ist pankova.63@mail.ru

      Mit besten Grüßen

      Natalia Toker

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    • Guten Tag, vielen Dank für Ihre Anfrage. Ich bin aber nur die Pferdejournalistin und keine Züchterin der Zabaikalski-Pferde. Ich schicke gerne Ihre Anfrage an Tatjana Pankowa – die Zabaikalski-Züchterin des Tschita-Gestüts in Transbaikaliensowie Sie können auch selbst mit ihr kontaktieren:ihre E-Mailadresse ist pankova.63@mail.ru

      Mit besten Grüßen

      Natalia Toker

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  2. Können Sie mich bitte einmal per PM kontaktieren (siehe eMail), ich möchte sicherstellen, dass Tatjana mich auch versteht. Danke sehr und viele Grüße Caren Schumann

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