Suche
  • Internationale Gesellschaft zum Schutz und Erhalt der seltenen und gefährdeten Pferderassen
  • info@pferde-der-erde.com
Suche Menü

Wiederentdeckt! Die Stallmeister-Linie der Senner Pferde ist zurück.

Wiederentdeckt! Die Stallmeister-Linie der Senner Pferde ist zurück

von Karl-Ludwig Lackner

Karl-Ludwig Lackner, Diplom-Agraringenieur, engagiert sich seit 1971 für den Erhalt der vom Aussterben bedrohten Senner Pferde.


Die Pferde des Sennergestütes Lopshorn lassen sich ursprünglich auf vier Stuten namens Extere, Stallmeister, Dohna und David zurückverfolgen, die eigenständige Abstammungslinien begründeten: Die Linie Extere starb schon 1890 aus, die Stallmeister-Linie hatte 1945 mit der Stute Panama ihre letzte Vertreterin in Lippe und die Dohna-Linie endete 1974 mit dem Hengst Marius. Einzig die David-Linie galt bis vor Kurzem als ungebrochene Abstammungslinie aller heute noch lebenden Senner. Umso erstaunlicher ist es, dass jetzt, 65 Jahre nach Kriegsende, die aus- gestorben geglaubte Stallmeister-Linie wieder entdeckt werden konnte.
Zur Gründung des Hauptgestütes Beberbeck in Hessen hatte der preußische Staat 1876 neben anderen Pferden 16 Sennerstuten angekauft, darunter die Stute Undine, die von dem englischen Vollblüter Garick xx abstammte.
Später wurde der gesamte Beberbecker Pferdebestand an das polnische Gestüt Razot weiterverkauft. In Polen züchtete man die jetzt Beberbeck-Razoter genannten Pferde im gleichen Typ wie schon in Lopshorn weiter. Mit dem Einmarsch der Deutschen im September 1939 in Polen, wurde das gesamte Gestüt während der Evakuierung von Tieffliegern angegriffen, und sowohl Gestütspersonal als auch der größte Teil der Pferde getötet. Oberlandstallmeister Gustav Rau, Beauftragter des Ober- kommandos des Heeres für die Verwaltung der polnischen Gestüte, ließ die Reste der Beberbeck-Razoter wieder sammeln und baute mit verschiedenen anderen Pferden in Razot unter der Leitung von Clemens Freiherr von Nagel (Vornholz), dem Sohn des letzten Landstallmeisters von Beberbeck, ein Heeresgestüt auf. 1943 wurden die Beberbeck-Razo- ter in die Warmblutherde des Hauptgestütes Graditz an der Elbe eingereiht.

Noch 1944 erhielt Julie-Marie Immink durch Dr. Gustav Rau die Empfehlung, einen Beberbeck-Razoter- Hengst aus dieser Linie für ihre Sennerzucht in Lopshorn anzukaufen, was durch den Kriegsverlauf allerdings zer- schlagen wurde. 1945 rückte die Rote Armee nach Gra- ditz an der Elbe vor. Von da an verlor sich die Spur der dortigen Pferde.
Meine jahrzehntelangen Nachforschungen in Polen über den Verbleib der Senner-Linien blieben erfolglos. In Polen hatte keine Stute dieser Linien den Krieg überlebt. Erst nach der Öffnung des Eisernen Vorhanges war es möglich, in Russland zu forschen, und umso größer war mein Erstaunen, als ich vor zwei Jahren über einen Pfer- deexperten in Osteuropa in Erfahrung bringen konnte, dass die Rote Armee 1945 drei Beberbeck-Razoter Stuten aus Graditz abtransportiert hatte. Darunter befand sich, wie sich später feststellen ließ, die Stute Ulga, eine Ver- treterin der Lopshorner Stallmeister-Linie. Die Stute war in die Herde des russischen Gestütes Kirow eingereiht worden und hatte dort eine erfolgreiche und weit ver- zweigte Familie begründet. Die russischen Gestütsver- waltungen hatten zwar seinerzeit die Brandzeichen der Pferde im Stutbuch vermerkt, sich aber damals nicht um eine Klärung der Abstammung bemüht. Erst mit dem Ende der Sowjetunion und der sich nun eröffnenden Möglichkeit, Pferde in den Westen zu verkaufen, ent- stand ein Interesse an ihrer Abstammung.


Von Kirow gelangte Zuchtmaterial dieser Linie in das litauische Trakehnergestüt Nemunas an der Me- mel. Weitere Nachforschungen in Nemunas ergaben allerdings, dass alle Pferde dieser Linie inzwischen über die Reitpferdeauktionen in St. Petersburg verkauft wor- den waren. Dennoch gelang es mir im vergangenen Jahr, mithilfe des litauischen Landwirtschaftministe- riums eine Stute ausfindig zu machen, den Besitzer zu besuchen und das Pferd zu erwerben. Im Frühjahr 2010 schloss sich der Kreis: Pechota, die aus der direkten mütterlichen Linie der Stute Undine abstammte, kehrte nach Deutschland zurück, und ich konnte die 16-jährige Stute der Familie Köppe übergeben, die sich jetzt um den Erhalt der Stallmeister-Linie bemühen wird. Ein erster Erfolg ist schon zu verzeichnen: die Stute ist tragend von dem Vollblutaraber Orlow ox.
Eine weitere Entdeckung gelang kürzlich durch Re- cherchen im Internet mit seinen unbegrenzten Möglich- keiten: Hier fand ich den Hengst Khazar, der ebenfalls aus der Stallmeister-Linie stammen soll und der im vori- gen Jahr mit seinem ukrainischen Reiter erfolgreich auf einem internationalen Turnier in Deutschland gestartet war. Haarproben des Pferdes konnten genetisch unter- sucht werden; das Ergebnis bestätigte die Abstammung von der Stallmeister-Linie der Senner. Der Besitzer ist zum Verkauf bereit, aber der Kaufpreis und der Standort des Pferdes am Schwarzen Meer machten vorerst die Su- che nach Sponsoren notwendig.

Eine erneute Etablierung der für ausgestorben ge- haltenen Stallmeister-Linie über ein bis zwei Stuten und einen Hengst würde für die Sennerzucht einen großen züchterischen Gewinn bedeuten und könnte helfen, den Erhalt dieser einzigartigen Pferderasse zu sichern.

Quelle: “Freilichtmagazin 2010 des Freilichtmuseum Detmold”

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.