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Kaltblüter ziehen durch Europa

Mit donnerndem Hufschlag rollt  ein rotgefärbter römischer Kampfwagen mit 16 Rheinisch-Deutschen Kaltblütern durch das Tor „Titanen der Rennbahn“ in die Arena. Auf der Rennstrecke kommen die robusten braunen Riesen mit schwarzen Behängen,  üppigen Mähnen und dichten Schweifen zum Stehen. Ungeduldig scharren die Dicken, wie die Pferde von ihren Fans genannt werden, mit den Hufen. Als ein Starter das Tuch schwenkt, stürmen sie über die Rennbahn. Ein Galadiator mit Sonnenbrille und einem Helm auf dem Kopf jagt mit rund 40 km/h durch das Rennoval und dabei winkt er auch noch den Zuschauern freundlich lächelnd zu. Das ist der 49-jährige  Thomas Haseloff, einer der Initiatoren des Kaltblutrennens ‚Titanen der Rennbahn’ und ein renommierter Kaltblutzüchter.

Die Brüder Thomas und Burkhard (52) Haseloff kommen aus einer bäuerlichen Familie mit belgischen Wurzeln, genau wie ihre Lieblingspferderasse – das Rheinisch-Deutsche Kaltblut. Beide bringen ihre Liebe zu den kräftigen und gleichzeitig eleganten Tieren mit einem ausgeglichenen Temperament schon aus ihrer Kindheit mit.
Vom Kaltblutvirus erfasst, kaufte er noch während seiner Lehre zum Tischler zusammen mit Burkhard – dem Landmaschinenschlosser – eine Kaltblutstute. Die Brüder träumten jedoch von vielen Riesen auf den saftigen Koppeln. Ihr Traum wurde aber erst viele Jahre später erfüllt.
Heute auf einer großflächigen Weide grasen etwa 100 sanfte Rheinisch-Deutsche Kaltblüter friedlich vor sich hin. Diese einheimische deutsche Rasse gilt mit circa 1500 registrierten Pferden heute nach wie vor als gefährdete Zugpferderasse.

Mit dem Ziel, die selten gewordenen Rheinisch-Deutschen Kaltblüter zu erhalten, gründeten die Brüder Haseloff Anfang 2002 den Kaltblutzucht- und Sportverein Brück e. V. Im selben Jahr 2002 haben sie eine tolle Bühne für die Kaltblüter auf die Beine gestellt – das weitbekannte Turnier ‚Titanen der Rennbahn’. Dieses Turnier setzt seitdem die gefährdeten Kaltblüter wirkungsvoll in Szene. Jedes Jahr wieder beweisen die Kolosse hier, dass sie auch ohne die Aufgaben in der Landwirtschaft eine Existenzberechtigung haben und zuverlässige Tiere für Freizeit und Schau sind. Auch im Sport stehen sie vielen anderen Pferderassen in nichts nach.
Ein faszinierender Mix aus den Fahr- und Zugleistungswettbewerben sowie hochkarätigen Shows rund um die beliebten Dicken löst starke Emotionen beim Publikum aus. Drei Tage vibriert der Boden unter den Hufen der 427 mächtigsten Pferde aus ganz Europa; drei Tage lässt der tosende Jubel der Pferdefreunde die Luft erzittern; drei Tage hängt der Geruch von Pferdeschweiß, Bratwürsten und Bier über dem Titanengelände. Zwar dominieren den Schauplatz Rheinisch-Deutsche Kaltblutpferde, aber es sind auch schöne Schwarzwälder, massige Ardener, starke Percherone, schicke Irish Tinker, verlässliche Freiberger sowie Holländische, Polnische, Schleswiger Kaltblüter willkommen. Startberechtigt sind Kaltblutpferde mit Abstammungsnachweis und einem Mindestgewicht von 600 kg, außerdem Pferde mit Equidenpass und typischen Kaltblutrassemerkmalen mit einem Mindestgewicht von 650 kg sowie Mulis. Das vorläufige Gewicht ist auf dem Anmeldeformular anzugeben.

Jedes Titanen-Spektakel steht unter einem Motto. Dieses Jahr lautet es: ‚Pferdekraft und Gerstensaft’. Und das ist kein Wunder. Die Verbundenheit zu Pferden hat bei den Brauereien eine lange und noch heute lebendige Tradition. 28 Brauereien aus ganz Europa mit vielen Litern Freibier im Gepäck reisten in Brück an. „Hott“ und „Wista“ sind wohl die meistgehörten Worte auf dem Titanen-Gelände. Mit diesen Anweisungen leiten die Fuhrmänner geschickt ihre Rösser, die die Bierwagen mit geschmückten Bierfässern durch die Arena ziehen.

Fahrzeuge, Pferde und Geschirre werden liebevoll vor jedem Auftritt herausgeputzt.  Hufe werden ausgekratzt und eingeschmiert und Mähnen werden shampooniert. „Es dauert mehr als eine Stunde“, erklärt der zünftige Bierfahrer Ekkehard Stadler. Die Hufeisen werden mit Silberbronze angestrichen, damit sie schön glänzen. Dann kommt das Einspannen. Meistens werden die Hengste angespannt. „Sie präsentieren sich besser“, erklärt der Kutschführer. „Die Hengste halten den Kopf höher, sie ziehen auch besser.“ „Sie sind eben stolzere Erscheinungen. Männlicher halt“, grinst der Bierfahrer.


Ihr Pferdegespann in seiner historischen Anspannung zieht insbesondere die Gäste in seinen Bann. Sechs prächtige schwarze Percherons mit einer Widerristhöhe von 1,80 m sowie einem Gewicht von 900 bis 1000 Kilogramm bewegen sich kraftvoll und elegant. Von Natur aus hat das Kaltblut ein sehr ruhiges Gemüt. Daher machen ihm Trudel und Menschenmengen nichts aus. Sie bringen den sieben Tonnen schweren Traditionswagen mit seinen Holz-Schmuckfässern auch optisch richtig auf Trab. Der Leistungswille sowie die Kraft der Pferde, ihre rassige Schönheit begeistern Alt und Jung.

Es ist in Brück üblich, jedes Jahr etwas Neues zu veranstalten. In diesem Jahr stellen sich 17 Amazonen beim ersten Ladys Cup vor. Der Start der Amazonen ist etwas Besonderes. Schon vor dem Start sagen die Fahrerinnen an, in welcher Zeit sie den Hindernisparcours bewältigen wollen. Wer seiner genannten Zeit am nächsten kommt, geht als Siegerin hervor. Am besten machte es Franziska Wüstenhagen aus Schönfeld mit dem 13-jährigen Wallach Joi. Sie gab 178 Sekunden vor und fuhr nach exakt 178,4 Sekunden ins Ziel ein.

Zwischen Vorführungen machen die Teilnehmer und ihre Schützlinge auf dem dicht am Wald liegenden Feld eine Verschnaufpause. Die gut gelaunten Besitzer beantworten gerne immer wieder dieselben Fragen: „Was für eine Rasse ist das?“ „Woher kommen die?“ „Darf man sie streicheln?“

Die Kaltblüter verzaubern die Massen. Wer einmal beim Kaltblutrennen dabei war, kommt nicht mehr davon los. Jeder Programmpunkt des Turniers ist ein Highlight. Den Zuschauern wird vieles geboten: rasante Wettfahrten, atemberaubendes Rennreiten ohne Sattel im Oval der Titanen-Arena, die kniffligen Parcours-Fahrten mit Wasserdurchfahrt, die kräftigen Pferde bei ihren Zugleistungsprüfungen, das Schaubild der zwei Amazonen ‚Feuer’ und ‚Wasser’, die zeigen, wie flink und elegant die tonnenschweren Pferde sein können.

Doch auf das Erscheinen der  rekordverdächtigen Postkutsche mit 28 Rheinisch-Deutschen Kaltblütern aus dem Haseloffhof ist das Publikum besonders gespannt. Sie tritt gleich nach dem Einmarsch aller Teilnehmer am Sonntagvormittag auf. 28 Titanen mit 400 Meter Leinen und mindestens 70 Kilo Gewicht in den Händen des Kutschers Thomas Haseloff  wirken kolossal. In den insgesamt acht Anspannreihen läuft das bunte Gemisch  von Wallachen, Hengsten und Stuten.

Der Titanen-Chef lässt das erste Gespann in seinem Kopf entstehen. Er kennt alle Pferde, ihre Schwächen und Stärken. An der Spitze des Achtundzwanzigspänners sollen drei bewährte Zugpferde traben. Diese drei müssen einen besonderen Charakter haben und dazu diszipliniert sein, denn sie sind tonangebend.
Insgesamt verläuft der Auftritt perfekt,  nur am Wassergraben schlagen die Leitpferde einen anderen Weg ein. Sie wollen unbedingt durch das Wasserhindernis gehen. Thomas Haseloff, der kühne Fahrer großer Anspannungen und Römerwagen, akzeptiert ihren Wunsch und führt die Pferde durch das Wasser.
„Spannender geht es nicht!“, freut sich eine Kaltblutfreundin aus Höxter stark. „Viele supernette Leute und natürlich die vielen Kalten“, spricht sie rührselig und gleichzeitig lassen ihre Blicke die Pferdekette nicht los. „Wir sind jetzt das 6. Jahr dabei, einfach spitze. Wir arbeiten mit unseren Kaltblütern und wollen diese auch mal mitbringen.“

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