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Weiße Einhörner der Halbinsel Kola

Jakute-Pferde auf der Halbinsel Kola
Foto: Svetlana Petrova

Hinter dem Polarkreis  auf der Halbinsel Kola nahe der alten Pomor-Dörfern Kuzomen und Tetrino treiben sich wilde Pferde herum.

Im Dorf Kuzomen, das im 17. Jahrhundert gegründet wurde, waren sie nicht immer wild. Vor mehr als 100 Jahren wurde der ganze Wald in der Umgebung für die Bedürfnisse der Salzsiederei ausgerodet. Jahre gingen ins Land und man kann bereits von einer Sandwüste sprechen, die sogenannten Kuzomenskije Sande, die sich entlang des Flusses Varzuga mit einer Fläche von 100 Quadratkilometern erstrecken. Mitten in dieser Wüste an der Mündung des Flusses befindet sich das Dorf Kuzomen. Die Entstehung der Wüste hat die Bauern aus der  gewohnten Bahn geschleudert, für ihre Pferde gab es keine Arbeit mehr, worauf sie auf den nahe gelegenen Wiesen freigelassen wurden.

Kuzoman, halbwilde Pferde,
Foto: Svetlana Petrova

Die Pferde kehrten jedoch ins Dorf zurück, das mit 30 Holzhäusern und einem alten Dieselstromerzeuger, der bloß eine bis zwei Stunden Strom am Tag produziert, gehört zu den rückständigsten Orten des Landes gehört. Heruntergekommener Flughafen, ein paar Fischerboote am alten halb eingestürzten Ankerplatz am Ufer des Varzuga und kreuz und quer verlaufen unzählige Holzstege in dem fast gänzlich im Sand versunkenem Dorf. An nahrhaften Boden kann man ausschließlich in privaten Gemüsegärten stoßen, in die Tiere von Zeit zu Zeit eindringen. Bauern versuchen mit ihnen Frieden zu schließen, weil „obwohl die „Monster“ das ganze Gemüse zertrampeln oder auffressen, die Erde  auch düngen.“  So bilden die Dorfbewohner mit Tieren eine untrennbare Gemeinschaft.

Schon lange steckt die Beziehung zwischen den Bewohnern und den Pferden in einer Sackgasse. Die Menschen lassen die Tiere bei sich auf der Nase herumtanzen, was teilweise schon zu richtig gefährlichen Situationen geführt hat. Es kam sogar vor, dass die Pferde den Menschen vor dem Lebensmittelgeschäft aufgelauert und ihnen dann Brot und andere Leckerbissen entrissen haben. „Sie stehen da und bedrohen uns mit ihren Zähnen und überrennen einen oder schmeißen uns in den Sand um, wenn sie das Brot nicht bekommen…“

Im Jahr 2009 besuchten Frau Petrova, die passionierte Pferdephotographin aus St. Petersburg, und Ksenija Antonova, die Pferdeliebhaberin aus Moskau, das Dorf und beobachteten die halbwilden Pferde auf der Halbinsel.

Die örtlichen „Monster“ lernten die Frauen gleich am Tag der Ankunft kennen, da die Pferde fast immer im oder um das Dorf herum schlendern. Beim Näherkommen der beiden Fremden stellen sich Ohren einer Schimmelstute nach vorne auf. Die Stute fletschte vor Wut die Zähne und stürmte auf die Journalistinnen los. Frau Petrova, selbst Besitzerin von vier Pferden, hat eine enge 24-jährliche Bindung zu den Tieren und kennt sie in- und auswendig, und zwar nicht nur Hauspferde, sondern auch wilde Pferde, da sie sich schon mehrmals allein unter wilden Pferden auf der Insel Wodnyj (Russland) abgesetzt hatte. Deshalb verlor sie nicht den Kopf und reagierte geschickt. Svetlana warf der wütenden Stute eine Handvoll Sand ins Maul. Die Stute beschloss sich lieber hinter das verlassene Holzhaus zurückzuziehen und führte ihre Herde mit in Sicherheit. Die Leitstute ging langsamer als andere, weil sie offenbar ein Rückenproblem hatte: Auf dem Rückenkreuz konnte man einen Buckel sehen, die Hinterbeine bewegten sich sehr schwer. „Die Verletzung weißt auf eine Gewalthandlung hin“, stellte Svetlana betrüblich fest. „Kein Wunder, dass sie die Menschen hasst.“

Trotzdem präsentierten die Frauen stolz am Abend die Bilder, auf denen sie die Pferde umarmen, küssen, neben den Jakuten posieren. Die alte Frau traute eigenen Augen nicht, fasste sich an den Kopf: „Das wird mir keiner glauben.“

Als nächsten Tag Svetlana und Ksenija Kuzomen verließen, blickten beide lange zurück in der Hoffnung die Pferde irgendwo zu entdecken. Doch die Tiere kamen nicht, um sich zu verabschieden.

Am Strand des weißen Meeres in der Nähe vom Fischerdorf Tetrino leben die  echten wilden schneeweißen Jakute-Pferde. Sie kann man nur ein Mal pro Woche mit einem Hubschrauber erreichen. Schraubflügel wurden angeworfen, der Motor knatterte, die Maschine blieb aber auf dem Boden. Ihr Rumpf rüttelte sich. Die Gesichter der Geologen nahmen einen nachdenklichen Ausdruck an. Eine tiefe Stille trat ein, die die freundliche Stimme des Kapitäns unterbrach: „Keine Sorge! Heute erreichen wir Tertino!“ Die Passagiere atmeten erleichtert auf und in diesem Moment startete der Hubschrauber zum Fischerdorf am Fuße des riesigen Hügels, von dessen Gipfel man eine wunderschöne Aussicht auf das Weiße Meer hat.

Zwei Herden der weißen Jakute-Pferde gingen im Schritt den Strand entlang. Wie die Jakuten- Pferde hierher kamen, verlor sich man in Vermutungen. Man munkelt, sie wurden in der sowjetischen Zeit als Schlachtpferde gekauft. Dann sind die Tiere aber doch nicht geschlachtet worden. Warum? Niemand weiß es genau. Heutzutage metzen aber Einheimische einige Hengste jeden Winter.

Dieser herbstliche Tag war  für die wilden Jakuten-Pferde ein ganz normaler Tag am Weißen Meer. Zum Beispiel suchten junge Stuten einer Herde das Weite, um in die andere reinzuschnuppern. Ihr Leithengst rief sie weich aber mit Nachdruck zurück. Ein fremder Leithengst war jung und wunderschön,  hatte eine bis zum Boden lange weiße Mähe, die er von Zeit zu Zeit schwingt. Er war trotzdem ein fürchterlicher Angsthase. Jedes Mal, wenn ihm eine der Nachbars-Stuten hinterherlief, saß er auf dem hohen Ross, aber sobald näherte sich ihm der „Alte Weise“, verblasste plötzlich sein Heldenmut. Er ging einem Kampf aus dem Weg und zog sich zurück.

Beide Herden spazierten langsam in angemessenen Abstand voneinander entlang des Strandes. Die Pferdeliebhaberinnen folgten ihnen mit Kameras auf Schritt und Tritt. Eine Schlägerei zwischen den Leithengsten brach rasend schnell aus. „Alter Weise“ wandte sich ab und traf mit den Hinterbeinen den auf ihn gerade losgestürmten Gegner. Ein gewaltiger  Stoß traf auf der Brust, so dass der „junge Langemähne“  vor heftigem Schmerzt ein ohrenzerreißendes Brüllen von sich gab. Der alte Hengst wartete nicht, bis der junge wieder zu sich kam, er versetzte ihm sofort noch einen harten, entscheidenden Schlag. Das Brustfell des „jungen Langmähne“ schwebte noch in der Luft und die verräterische Stute lief hysterisch umher, aber der Kampf war längst entschieden und vorbei.

Andere Pferde schienen die Auseinandersetzung nicht mitzubekommen. Junge Hengste kämpften spielerisch miteinander, zwickten sich gegenseitig in die Hälse, tobten frei am Strand herum. Ein Fohlen schmiegte sich an seine Mutter, eine junge Stute stand als Modell vor Ksenijas Kamera. Die meisten Tiere lagen aber einfach im Gras und genossen die Ruhe. „Sie leuchteten in den letzten Sonnenstrahlen des Tages und hatten keine Angst vor uns“, erinnert sich Frau Petrova. „Und es schien, als hätten wir ein Paradies auf Erden entdeckt und neben uns grasen in aller Gemütsruhe märchenhafte Einhörner der Halbinsel Kola.“

 

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